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    gaia

    Aktiv seit: 10. Oktober 2021
    "Hilfreich"-Bewertungen: 16

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    134 Rezensionen

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    Im Licht des neuen Tages

    Jarka Kubsova
    Im Licht des neuen Tages (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    27.09.2026

    Geschickte Verknüpfung - sprachlich wie inhaltlich

    In ihrem neuen Roman weicht Jarka Kubsova sowohl formell als auch inhaltlich ein wenig von ihrem Erfolgsrezept der ersten beiden Romane ab. Nicht zum Nachteil, nach meinem Ermessen.

    Erneut stehen im Zentrum des Romans zwei Frauen in verschiedenen Zeiten. Die eine ist die Ich-Erzählerin Elli, die als Kind mit den Eltern aus Tschechien floh und nun als Schriftstellerin Orientierung sucht, nachdem ihre Tochter ausgezogen ist und den Schritt in die Erwachsenenwelt tut. Als radikalen Schritt zieht Elli in eine Waldhütte, um am neuen Roman zu schreiben, sie wird allerdings durch Erinnerungen an die Märchen erzählende Großmutter davon abgebracht und widmet sich den alten tschechischen Märchen und ihrem Ursprung. Und die andere Frauenfigur ist Viktorka, die im beginnenden 19. Jahrhundert in Böhmen lebte und die nach einem schweren Schicksal in den Wald ging und fortan als verrückt verschrien war. Eigentlich sind es sogar drei Frauenfiguren, denn da ist noch Božena Němcová, die – jünger als Viktorka – eine Zeitgenossin von Viktorka war und posthum mit ihren aufgeschriebenen Märchen und Sagen zur tschechischen Volksheldin wurde. Während sich Elli ihrer Vergangenheit stellt, indem sie in die Märchenwelt und die tatsächlichen Wälder Tschechiens vordringt, eröffnet sich uns ein Bild von Frauen, die mehr sind, als ihnen zugetraut wird und die mehr zur Entfaltung brauchen, als ihre jeweilige Zeit ihnen ermöglicht.

    Kubsova verwebt die Geschichten der drei Frauen in diesem neuen Roman eindeutig enger miteinander, als dies in den früheren Roman der Fall gewesen ist. Es gibt diesmal keine klar getrennten Erzählstränge, sondern ineinander geflochtene Lebenswege. Hier muss man beim Lesen sehr gut aufpassen, um mitzubekommen, von wem gerade die Rede ist. Zumal die Ich-Perspektive auch innerhalb des Romans abgegeben wird. Und so eng, wie die Geschichten der Frauen formell beieinanderliegen, so liegen sie auch inhaltlich beieinander. Die Loslösung von Kindern, der Umgang mit traumatischen Erlebnissen, der Wunsch nach einem „A Room of One's Own“, wie es Virginia Woolf nannte, was das große Konzept umreißt, dass eine Frau zum Schreiben andere Bedingungen benötigt, als ein schreibender Mann. Auch die Fluchterfahrung, die eng mit dem Konzept des tiefen, dunklen Waldes verbunden ist, und die bei der einen wie bei der anderen Frau zutrifft, wenn auch in anderem Ausmaße. All das verwebt Kubsova wirklich toll.

    Als weitere Ebene sehe ich in diesem Roman das Spiel mit biografischen/historischen Überschneidungen und der Erfindung von Geschichten. Die Lebensgeschichte von Elli in unserer Gegenwart erinnert an den Eckpunkten sehr stark der Geschichte von Jarka Kubsova selbst. Und auch wenn die Autorin hier sicherlich stark aus eigenen Erfahrungen ihre Inspiration gezogen hat, so denke ich, sollten wir nicht in die Falle tappen, alles Eins-zu-Eins zu übernehmen und als wahr zu lesen. Denn so wie Božena Němcová mit der Wahrheit gespielt und diese im Sinne ihrer Geschichten verfälscht hat, so ist sicherlich folgende Textstelle auch auf Kubsovas Roman anzuwenden:

    „Dann war genau das ihr Trick? Sie lässt es wie Erinnerungen aussehen, damit es echter wirkt?“ (S. 117)

    Dieses Spiel mit historischen Fakten und Erlebtem sowie Erfindungen machen für mich diese an sich märchenhafte Erzählung zu etwas Besonderem. Und ich denke trotzdem, dass es ganz tief aus Kubsovas Innerem kommt, wenn sie im Roman schreibt:

    „ Es gab und wird immer Menschen geben, die nie irgendwo dazugehören, egal wie sehr sie es ersehnen. Seltsamerweise kann einem dieser Zustand aber auch ein Zuhause werden.“

    Somit scheint „Im Licht des neuen Tages“ der bisher wohl persönlichste und gleichzeitig „erfundenste“ Roman der Autorin sein. Beides kann wahr sein. Ich habe ihn sehr gern gelesen und würde ihn jederzeit weiterempfehlen, wenn man etwas über das Anderssein in der unmittelbaren Umgebung lesen möchte. Das Buch braucht etwas, um hineinzufinden, lohnt aber meines Erachtens definitiv die Lektüre.

    4,5/5 Sterne
    Territorium

    Sabrina Janesch
    Territorium (Buch)

    3 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern Inaktiver Stern
    04.09.2026

    Wenig Abenteuer dafür viel Politik

    Ich muss zugeben, an den aktuellen Roman „Territorium“ von Sabrina Janesch mit hohen Erwartungen herangegangen zu sein. Die beiden vorherigen Romane der Autorin „Die goldene Stadt“ und „Sibir“ haben mich ab den ersten Seiten sofort in die abenteuerlichen Geschichten dieser sehr markanten Hauptfiguren hineingesogen und erst auf der letzten Seite mit vielen gesammelten Eindrücken und Bildern in meinem Kopf wieder ausgespuckt. Ein ähnliches Leseerlebnis zum Eintauchen hatte ich von „Territorium“ erwartet, welches in 1893 beginnt und sich mit der widerrechtlichen Annexion der hawaiischen Inselkette im Pazifik durch die USA beschäftigt. Laut Klappentext folgen wir dabei den drei Hauptfiguren Lili‘uokalani, frisch abgesetzte und im Hausarrest befindliche hawaiische Königin, Gertrude Wolf, eine Deutsche, die als Assistentin eines Zauberers auf die Inseln kam und zwischenzeitlich als Wirtschaftsministerin und Vertraute der Königin agierte, sowie Emma Nawahi, hawaiische Journalistin und emanzipierte Frau.

    Das Buch beginnt fulminant mit verschiedenen Erzählperspektiven und der ungewöhnlichen Figurenvorstellung von Gertrude Wolf, die sich gerade im Opiumrausch befindet. Das vorangestellte Personenregister las ich mir zu Beginn durch und dachte noch, es handle sich lediglich um eine Hilfestellung, um die vielen Nebenfiguren auseinanderhalten zu können. Allerdings zeigte sich über den Verlauf des Buches hinweg, dass viele der genannten Figuren der verschiedenstens Fraktionen auf Hawaii tatsächlich immer wieder auch Kapitel bekommen, in denen sie als Hauptfiguren agieren. So entsteht ein unglaubliches Wirrwarr an Figuren, die zwar durchaus unterscheidbar dargestellt sind, was aber gleichzeitig dazu führt, dass eine engere Bindung an eine oder gar alle drei der herausgestellten Frauenfiguren nicht entsteht. Wurde ich bei den vorangegangenen Büchern durch die gut herausgearbeiteten Einzel-Hauptfiguren an die Hand genommen und durch ihr Abenteuer begleitet, kommt im vorliegenden Roman diese Konstellation nicht ein einziges Mal zustande. Verloren fühlte ich mich zwischen all diesen Akteuren.

    Dazu beigetragen hat außerdem die Fixierung der Autorin auf die politischen Geschehnisse. Bis ins kleinste Detail werden Diskussionen, Handlungen, Vorhaben ausformuliert. Hier wirkt das Buch eher wie ein Sachbuch als ein Roman. Zäh und trocken fühlte sich die Lektüre an. Da kann die Autorin so viele Naturbeschreibungen, wie sie will, einfügen, es entsteht einfach keine Atmosphäre.

    Besonders nervig empfand ich den Drang der Autorin jeden einzelnen Straßennamen Honolulus zu benennen, wenn sich die Figuren durch die Stadt bewegen. Auch werden immer wieder die Bezeichnungen von Landmarken eingeworfen, wenn sie sich über die Inseln bewegen. Der Verlag hat zwar im Vorsatzpapier Landkarten abgedruckt, die hübsch anzusehen sind und farblich auch zum wunderschönen Cover des Buches passen, aber ich lese ja hier kein Sachbuch, sondern einen Roman. Und da zählt nun einmal das Konzept „Show, don‘t tell!“. Leider „erzählt“ uns Janesch wirklich alles bis ins kleinste Detail, ohne dass mir eine Atmosphäre oder die Interaktionen und psychologische Verbindungen der Figuren untereinander „gezeigt“ werden. Es werden unglaublich viele politische Zusammenhänge aufgeschlüsselt, aber ehrlich gesagt, reizt das dann jedenfalls mich überhaupt nicht mehr zu lesen, wenn doch bekannt ist, wie die ganze Sache ausgehen wird.

    Anerkennend muss ich sagen, dass die Rechercheleistung zum Roman erheblich sein muss. Und dass die Autorin ein Thema auf den Tisch holt, welches bisher seltenst literarisch bearbeitet wurde. Wobei ich hier das „literarisch“ eher hintanstellen würde. Ich habe ein paar Sachverhalte gelernt, wie zum Beispiel wie präsent die deutschstämmige Bevölkerungsgruppe auf Hawaii zu dieser Zeit war. Oder wie fortschrittlich die Reformbemühungen der hawaiischen Königin waren, bevor die US-Amerikaner dem ein Ende setzten.

    Obwohl ich mich wirklich durch diesen Roman kämpfen, ja fast quälen, musste, runde ich von 2,5 Sternen trotzdem auf, weil ich glaube, dass der Roman durchaus etwas für Leser:innen ist, die sich für historische politische Zusammenhänge interessieren. Er ist nicht per se schlecht geschrieben, konnte mich persönlich allerdings überhaupt nicht abholen.

    2,5/5 Sterne
    Die Auster

    Yael Inokai
    Die Auster (Buch)

    3 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern Inaktiver Stern
    14.08.2026

    Ich konnte nicht ins Innere der Auster vordringen

    Nachdem mir der vorherige Roman von Yael Inokai „Der Eingriff“ sehr gut gefallen hat, freute ich mich auf diesen neuen Roman ganz besonders. Leider konnte mich dieses Mal die Geschichte um die Putzfrau eines Kaufhaus-Geschäftsführers nicht überzeugen. Leonora Bloch, eine wortkarge Berlinerin, findet ihren Chef ermordet in dessen Privathaus vor und begleiten Leonora ab diesem Zeitpunkt bis kurz nach dessen Beerdigung, bekommen nebenbei etwas von den Ermittlungen und Mutmaßungen im Kaufhaus mit, sind aber eigentlich ganz nah an der Putzfrau, ihrer Vergangenheit und den Lebensumständen in der Altersarmut, immerhin ist sie schon über 70 Jahre alt.

    Grundsätzlich finde ich die Idee sehr verlockend, einen Blick auf die Person Leonora Bloch zu werfen. Von Beginn an mochte ich ihre Art, allerdings konnte sich der Roman im Verlauf nicht so richtig entscheiden, ob es nun um die Abläufe in Angestellten im Kaufhaus, Verwicklungen der Leute um den Geschäftsführer oder doch die Lebensgeschichte und Lebensverhältnisse von Leonora gehen wollte. Zu wenig Zeit nimmt sich die Autorin, um in die Tiefe zu gehen.

    Irgendwie war mir dann das Ende mit zahlreichen Enthüllungen, als ob das alles noch ganz schnell abgearbeitet werden musste, zu platt. Ich habe den Roman nicht ungern gelesen, bin aber auch immer wieder währenddessen eingenickt. Es fällt mir schwer, meine Unzufriedenheit mit dem Roman in Worte zu fassen, am besten passt wohl noch, dass ich sehr viel Potenzial gesehen hab, welches allerdings noch ausgearbeitet hätte werden können. Es gib einige Nebenfiguren, die entweder nicht greifbar blieben oder nicht wirklich eine Rolle für den Roman spielten. So wird ein Zahnarzt erwähnt, mit dem Leonora einmal liiert war. Fast extra provozierend, weißt Leonora gedanklich darauf hin, dass sie immerhin schon mit einem Zahnarzt zusammen war. Wie es dazu hat kommen können, dass eine Frau, deren Sohn kürzlich verstorben ist und die als Reinigungskraft mehrere Jobs gleichzeitig hat, die Zeit und Gelegenheit hat die gläserne Decke zu durchbrechen und einen Zahnarzt kennenzulernen, wird nicht erzählt. Aber gerade solche Verbindungspunkte hätten das Thema des sozialen Milieus und der Unterschiede zwischen den sozialen Schichten doch einmal spannend gemacht.

    Unterm Strich kein schlechtes Buch, aber auch keins, welches mich überzeugen konnte. Schon kurz nach der Lektüre habe ich nur noch wenig dazu zu sagen und es hat keinen langfristigen Eindruck auf mich hinterlassen.

    3/5 Sterne
    Alleinruhelage

    Eva Menasse
    Alleinruhelage (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    14.08.2026

    Eine Österreicherin zwischen Ost und West

    Eine ehemalige Gaststätte an einem vorpommerschen See gelegen wird das neue Feriendomizil und später wichtiger Rückzugsort für eine österreichische Schriftstellerin. So ruhig und allein das Häuschen gelegen ist, so bunt gemischt und archetypisch ist das Figurenpersonal, welches das Haus und die Umgebung bevölkert und bebaut. So lernen wir die wunderbare moldawische Alla und ihren polnischen Mann Bolek kennen, die der Schriftstellerin dabei helfen, das Haus auf Vordermann zu bringen. Und da gibt es diese weit verzweigte ostdeutsche Variante der Sch‘tis, die im nahegelegenen Datschenwohngebiet ansässig sind und ihr das Leben schwer machen. Und da sind noch viele mehr aus Vergangenheit bis zur Gegenwart, die das Leben der Schriftstellerin und die Belange des Hauses prägen. Es liest sich ganz wunderbar und leicht. Man möchte am liebsten noch mehr davon, aber das Haus wird verkauft und alles muss ein Ende haben.

    „Alleinruhelage“ ist mein bisher liebstes Buch von Eva Menasse geworden. Mit ihrer einmaligen, klugen Sprache erfasst Menasse in nur wenigen Sätzen ganze Zusammenhänge und spiegelt historische Umbrüche präzise wider genauso wie kleinste Eigenarten ihrer Figuren. Es ist eine wahre Freude dieses Büchlein zu lesen und dadurch viele Nuancen des Lebens in einer Feriensiedlung in der ostdeutschen Provinz zu entdecken.

    Dabei blitzen immer wieder kraftvolle Sätze hervor, die man nicht mehr vergessen will. Wie diese knackige wie treffende Erkenntnis zur Zeit ca. 10 Jahre nach Wende:

    „Für den Osten war es eine finstere, gewalttätige Zeit, in der man zuließ, dass bergeweise Hoffnungen zertrümmert wurden, Weltvertrauen, Lebensläufe. Die Folgen hängen dem Land bis heute nach.“ (S. 26)

    Oder wenn es um die Aneignung von Ländereien, Gebäuden und Firmen in der ehemaligen DDR durch Westdeutsche mit etwas Kleingeld geht:

    „Es war ein Lehrstück über Umbruchzeit, Gier und die Ungerechtigkeiten, die eine veränderte Rechtslage automatisch mit sich bringt; ein Lehrstück exerziert an Menschen, die sich den Kapitalismus gewünscht hatten wie Durstige ein paar Schluck Wasser und stattdessen eine Sturzflut bekamen.“ (S. 30)

    Es ist als ob die geborene Österreicherin, seit zwanzig Jahren in Berlin lebende, Menasse genau den richtigen Abstand und genau die richtige Nähe zur Region und zum Thema hat, um diese Gemengelage zu streifen und so vorzüglich in kleinen Momenten festzuhalten.

    Ich habe das Buch wirklich sehr gern gelesen und in kürzester Zeit eingesogen. Nur hätte ich gern noch ein bisschen länger in diesem assoziativen Bild mit dem Haus im Zentrum verweilt, bevor das Haus schlussendlich verkauft werden wird, wie schon im ersten Satz des Romans angekündigt: „Haus, ich verkaufe dich.“

    4,5/5 Sterne
    Die zweitgrößte Liebe

    Ruth-Maria Thomas
    Die zweitgrößte Liebe (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    31.07.2026

    Über Geld spricht man nicht, man hat es...

    ...oder eben nicht. Michelle (eigentlich Mishelle, da es ihre Mutter in der ostdeutschen Provinz damals nicht besser wusste) hat kein Geld. Sie kann sich nicht auf ein Erbe verlassen. Sie hat sogar massive Schulden, seit ihr Schmuckhandwerksladen durch die Pandemie pleite ging. Henry hat Geld. Er hat einen guten Job und ist bereits durch Schenkungen und erwartetes Erbe sehr gut versorgt. Während Michelle sich niemals sicher fühlen kann in dieser Welt, hat Henry ein Grundvertrauen in die Welt in die Wiege gelegt bekommen. Nun treffen sich diese beiden Personen und verlieben sich. Wäre dies eine platte Romanze, könnte man nun eine Pretty Woman-Geschichte erwarten. Bei Ruth-Maria Thomas‘ zweitem Roman handelt es sich jedoch um eine differenzierte Betrachtung zweier Menschen und damit auch ihrer Welten und ein verschlungener psychologischer Testlauf, wie tatsächlich zwei Menschen, die aus unterschiedlicheren Familien kaum kommen könnten, miteinander auskommen, wenn das Auskommen zumindest für eine der beiden Personen ein riesiges Thema ist.

    Thomas inszeniert hier ein auf zweieinhalb Jahre angelegtes Kammerspiel zwischen ihren Figuren Michelle und Henry, die aus ganz unterschiedlichen Milieus kommen. Messerscharf analysiert sie in kleinen Beobachtungen und großen Zusammenhängen, wie stark Menschen in unserer aktuellen gesellschaftlichen Gemengelage, in der die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander geht, durch ihre finanzielle Situation in ihren emotionalen Entscheidungen bestimmt sind. Dabei bedient keine der Figuren ein einfaches Klischee, sondern wird in der Tiefe betrachtet mit all ihren Überlegungen und Prädispositionen. Gleichzeitig zeigt Thomas eine Schieflage auf der Metaebene dar, denn Michelle kommt aus einer ostdeutschen Kleinstadt, während Henry einer Familie aus einer westdeutschen Großstadt angehört. Und auch wenn es in Ost wie auch West natürlich sowohl reiche wie auch arme Menschen gibt, so ist soziologisch belegt, dass es im Osten Deutschlands weniger zu vererben gibt. Privatbesitz war für die große Masse in der DDR nicht möglich anzuhäufen bzw. nicht erlaubt. So starten die Nachwendegenerationen meist ohne die Sicherheit einer, wie auch immer gearteten, Erbmasse oder größeren Ersparnissen in ihr Leben. Das bringt nicht nur die ganze Nation in eine gefährliche Schieflage, sondern auch Menschen auf der Mikroebene, wenn sie sich per Zufalle kennen und lieben lernen.

    So stellt Ruth-Maria Thomas in ihrem zweiten Roman die Fragen, ob diese Beziehungskonstellation funktionieren kann. Ob sie Bestand hat. Und ob ein Verständnis für die Lebenssituation des geliebten Menschen aus einem ganz anderen sozioökonomischen Milieu erwachsen kann.

    Sprachlich hat mich der Roman komplett mitgenommen und auch mitgerissen. Innerhalb kürzester Zeit war das Buch eingesogen. Da somit die Autorin auf sprachlicher, wie auch inhaltlicher Ebene mit einem nur selten auf diese Weise beleuchteten Thema punktet, gibt es eine klare Leseempfehlung von meiner Seite für diese unkonventionelle „zweitgrößte“ Liebesgeschichte.

    5/5 Sterne
    Ochsenkopf

    Manik Sarkar
    Ochsenkopf (Buch)

    4 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern
    22.07.2026

    Ein Mann auf verlorenem Posten

    In seinem nur 176 Seiten umfassenden Debütroman stellt uns der niederländische Autor Manik Sarkar seinen Protagonisten Rensing vor - und lässt ihn auf ganzer Linie scheitern.

    Rensing ist der Sohn eines Metzgers und wird in den 1960ern/70ern in der Familienmetzgerei als Einzelkind groß. Beobachtet seine Mutter am Tresen beim Verkauf und den Vater bei den Schlachtungen. Schnell wird ihm selbst und seinen Eltern klar, dass er eine besondere Affinität gegenüber dem Metzgereihandwerk hat, lässt allerdings alle anderen Bereiche und Fertigkeiten des alltäglichen Lebens verkümmern. Heutzutage würde man es eine Inselbegabung nennen. Rensing ist rigide in seinen Vorstellungen, wie ein gesundes Tier vor der Verarbeitung gelebt haben sollte und was Qualität ausmacht. Im Wandel der Zeit verliert allerdings seine Kundschaft das Interesse und Gefühl für Qualität und sehr gut ausgeführtes Handwerk, was Rensing in seiner Rigidität letztlich in einen Strudel des Scheiterns hinabzieht. Wir verfolgen das gesamte Leben eines Menschen, der für eine Sache brennt und letztlich ausbrennt.

    Sprachlich beherrscht Manik Sarkar sein Metier. Punktgenau mit keinem Satz zu viel erzählt er diese tragische Lebensgeschichte. Er schreibt so gut, dass die Dickköpfigkeit von Rensing fast körperlich schmerzt beim Lesen. Und gleichzeitig verdeutlicht Sarkar wie im letzten Jahrhundert eine Industrialisierung der Tierverarbeitung in unsere Zivilisation Einzug hielt, die weder dem Konsumenten noch und vor allem den Tieren guttut, allein dem Geldbeutel. Nämlich einerseits dem Geldbeutel der Kunden, die immer weniger für Fleisch ausgeben wollen und andererseits dem Geldbeutel der Großbetriebe, für die Tiere ein einfaches auszubeutendes Produkt darstellen und keine beseelten Lebewesen.

    Auch wenn Rensing hier natürlich die Hauptrolle spielt, so schafft es Sarkar gleichzeitig eine ganz wunderbare Figur mit der Ehefrau von Rensing, Jacomine, zu entwerfen. Eine Frau, die ebenso aus einem Metzgerei-Familienbetrieb kommt, der die Metzgerei ebenso am Herzen liegt, die aber in der Lage ist, den Wandel der Zeit zu erkennen, sich anzupassen und auch zu emanzipieren. Eine Fähigkeit, die Rensing vollkommen abgeht. Dabei entstehen ganz großartige Gedanken wie zum Beispiel diese hier:

    „Was sie nun tun wollte, war ihr nicht von ihrem Mann eingeflüstert worden, so viel stand fest. Mit hoher Wahrscheinlichkeit wäre er nicht allzu glücklich darüber.

    Sie selbst würde das, was sie antrieb, als weibliche Intuition bezeichnen, was nichts anderes ist als Intelligenz, die einer Frau aber so manch einer nicht zutraut, wodurch als einzige Erklärung bleibt, dass es sich um eine instinktgesteuerte Emotion handeln muss.“

    Auch wenn die gestochen scharfe Sprache von Manik Sarkar ein absoluter Pluspunkt dieses Romans ist, so merkt man doch, dass der Text entstand, als Sarkar nach einem Thema für eine Kurzgeschichte suchte. Mein einziger Kritikpunkt auf hohem Niveau wäre, dass ich mir dann doch an der ein oder anderen Stelle ein bisschen mehr Ausführungen gewünscht hätte. 50 Seiten mehr hätten dem Roman sicherlich auch nicht geschadet.

    Dieses Buch tut weh. Auf vielen Ebenen, jedoch nicht literarisch. Deshalb gebe ich eine klare Leseempfehlung ab. Ich, eine überzeugte Vegetarierin, die fast komplett vegan lebt. ^^

    4,5/5 Sterne
    Zeit der Monster

    Seyda Kurt
    Zeit der Monster (Buch)

    2 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern Inaktiver Stern Inaktiver Stern
    22.07.2026

    Sieben Tage Chaos oder: Chaos im Kopf

    Die aus Köln stammende Autorin Şeyda Kurt beschreibt in ihrem Debütroman einen wirren Schöpfungsmythos der ganz eigenen Art. Im Stadtteil Köln-Kalk irgendwann in der sehr nahen Zukunft wird das Leben immer chaotischer – und so auch der Schreibstil der Autorin.

    Wir begleiten über sieben Tage hinweg eine Wahlfamilie um die junge Sanya, welche sich wild aus einer im Rollstuhl sitzenden „Mutter“, die ein Fitnessstudio betreibt, eine „Schwester“/“Geliebte“, die als Archäologin nicht nur der Geschichte des Viertels sondern auch ihrer aramäisch/assyrischen Vorfahren nachgeht, ein „Bruder“, der ein Kleinkind ohne dazugehörige Mutter hat und mit TikTok versucht den Lebensunterhalt zu bestreiten und noch viele andere Figuren, die alle dieses Viertel ihr Zuhause nennen und miteinander verzweigt zu tun haben.

    Die Handlung ist schwer in Worte zu fassen, aber man kann sagen, dass durch eine falsche Prophezeiung vom Weltuntergang ganz verschiedene Gruppen im Viertel ganz unterschiedlich chaotisch reagieren und alles im Chaos untergeht, um dann neu erschaffen zu werden. Eingeworfen werden Tonbandaufnahmen der Archäologin, die recht interessant historische Zusammenhänge um Industrialisierung, Imperialismus und Geschichte des Zweistromlandes darlegt.

    Ich muss zugeben, dass ich mit diesem Roman wirklich nur sehr, sehr wenig anfangen konnte. Die Handlung, sofern man sie so nennen möchte, gleitet zunehmend ins Kafkaeske ab. Es gibt sicherlich zwischendrin immer mal interessante Sätze und Gedanken, aber im Großen und Ganzen konnte mir „Zeit der Monster“ nur sehr wenig geben. Am meisten haben mir die recht einfach verständlichen Passagen zu historischen Zusammenhängen gefallen. Das war dann, als ob ich einen reflektierten Übersichtsartikel zum Thema lesen würde, alles andere war mir aber einfach zu sehr drüber. Obskure und abstruse Geschehnisse im Viertel sowie nicht ansatzweise nachvollziehbare Figuren reihen sich hier aneinander. Man bekommt keinerlei Hintergrundinformationen zu den Figuren, sodass sie unverständlich bleiben. Zwischenzeitlich gibt es im Versform verfasste Passagen, bei denen mir nicht ersichtlich war, warum sie in dieser Form verfasst wurden.

    So lässt mich „Zeit der Monster“ fast vollkommen verwirrt zurück, weshalb ich auch gar nicht wüsste, wem ich dieses Buch empfehlen würde oder auch nur könnte.

    2,5/5 Sterne
    All die Farben, all das Licht

    Cora Wucherer
    All die Farben, all das Licht (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    13.07.2026

    Überzeugender Entwicklungsroman um Krankheit, Trauer und das Miteinander

    Ich muss zugeben, dass das Genre des Entwicklungsromans (Coming-of-Age) mich meist weder sonderlich interessiert noch in der Vergangenheit überzeugen konnte. Das vorliegende Romandebüt von Cora Wucherer hat dies jedoch beides geschafft. Ich finde die Geschichte mit dem Dreh- und Angelpunkt der chronisch-progressiven Erkrankung des Usher-Syndroms, durch welches die Betroffenen je nach genetischem Typ sowohl an Schwerhörigkeit als auch an fortschreitender Erblindung leiden, hoch interessant. Sowohl der Plot als auch die Umsetzung konnte mich dann restlos überzeugen von dieser Geschichte, die nicht nur die eine betroffene Person, die 17jährige Juna, in den Mittelpunkt rückt, sondern auch ihr soziales Gefüge, allen voran ihre drei Jahre jüngere Schwester Martha, die zeitlebens als „die Gesunde“ wenig Beachtung erfuhr. Die Familiendynamik bekommt noch einen zusätzlichen Dreh, da die Mutter der beiden bei Marthas Geburt verstarb und damit ein Schleier der Trauer über der Kleinfamilie aus zwei Töchtern und einem Vater bzw. Witwer legte.

    Was man hier nicht erwarten sollte: Einen Happy-go-lucky-Roadtrip-Roman, in dem sich alle lieb haben und schön zueinander finden. Der Roman spiegelt mit einfacher, aber mitreißender Sprache die knallharte psychologische Realität wider. Auf einfachster Ebene, dass sich Geschwisterkinder einfach nicht immer gern haben sondern, gerade wenn sie auf beengtem Raum zusammenleben müssen, sich sogar ätzend finden. Krankheit hin oder her. Dann gibt es da den elterlichen Effekt, dem erkrankten Kind mit mehr Aufmerksamkeit und mitunter auch mehr Sanftmut zu begegnen, während das gesunde Kind meist nebenher funktionieren soll. Und da ist das Gewicht der Trauer, welches auf einer Familie lastet, wenn die Mutter bei der Geburt eines der Kinder verstorben ist. Nur wenig in diesem Roman hat mit dem im Klappentext angekündigten Trip nach Malmö zu tun, auf dem die leidenschaftliche Malerin Luna, der nicht nur die Sehkraft schwindet sondern auch ihre Optionen im Leben, da sie eigentlich Malerei studieren möchte und dies unerreichbar scheint, durch die Behinderung der Erblindung, ihre letzte Chance wahrnehmen möchte, ein geliebtes Gemälde der Malerin Lotte Laserstein zu sehen. Und wiederum hat natürlich alles mit diesem Gemälde zu tun und der Fähigkeit es nicht nur zu rezipieren sondern auch zukünftig neue Kunst zu schaffen.

    Vielschichtig, psychologisch tiefgründig und äußerst authentisch widmet sich Cora Wucherer den Themen der frühzeitigen Behinderung, der Trauer und dem Miteinander in Familie und Freundeskreis in solch einer schwierigen Lebenssituation. Für viele Teenager und Anfang Zwanzigjährige ist die Findung des Selbst schon an und für sich schwierig genug. Was dies unter den oben genannten Voraussetzungen bedeutet, macht Wucherer sehr deutlich. Dabei stellt sie realistisch die Einschränkungen im Alltag durch eine Behinderung dar, auch wenn sie nicht medizinisch ausschweifend das Usher-Syndrom beschreibt. Das braucht sie gar nicht, denn es kommt auf die menschliche Seite an. Da die Autorin in sich abwechselnden Kapiteln sowohl Luna als auch Martha und sogar einmal kurz den Vater Georg auf der Ich-Perspektive erzählen lässt, bekommen wir einen multiperspektivischen Einblick in die Familie und ihre Themen.

    Mir hat dieser Entwicklungsroman sehr gut gefallen und äußerst positiv überrascht. Sehr gern verfolge ich nun den weiteren Weg von Cora Wucherer und freue mich auf weitere Romane von ihr.

    5/5 Sterne
    Lori

    Anousch Mueller
    Lori (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    13.07.2026

    Leerstellen

    Die in Thüringen geborene Autorin Anousch Mueller entwirft einen mitreißenden Familienroman rund um die Leerstelle in einer Familie. Die Ich-Erzählerin Leni ist 1979 geboren und hat fünf jüngere Geschwister, trotzdem stocken die Eltern und sprechen nie den Satz aus „Dies ist unsere älteste Tochter, Leni.“ Leni spürt schon früh, dass eine Person in der Familie fehlt und dass sie eventuell gar nicht das älteste Kind ihrer Eltern ist. Nur schweigen sich diese über die Vergangenheit aus. Leni begibt sich als junge Frau, der die Leerstelle zunehmend zur seelischen Belastung wird, auf Spurensuche tief hinein in die DDR-Vergangenheit ihrer Eltern. Wir begleiten sie dabei und decken mit ihr zusammen nach und nach das Familiengeheimnis um das verschwundene siebte Kind und bekommen dabei zusätzlich ein eindrückliches und authentisches Bild des Alltags und der Besonderheiten von Menschenleben in der sozialistischen Diktatur der DDR.

    Die Autorin entspinnt ihren Plot nicht nur um eine Leerstelle herum, sondern arbeitet auch sprachlich immer wieder mit Leerstellen. So ist dieser umfassende Familienroman auf 205 Seiten heruntergebrochen. Hier ist kein einziges Wort zu viel und es bleiben Leerstellen, die nicht auserzählt werden. Und gerade das macht diesen Roman so bemerkenswert. Mueller beschränkt sich auf das Wesentliche, kommt zum Punkt und lässt genau dadurch einen enormen Sog entstehen. Mit pointierten Beschreibungen, die die Fantasie der Lesenden nur antippen, erschafft sie im Kopfkino eine ganze Welt vom Leben in diesem nicht mehr existierenden Staat mit seinen Vorzügen und Nachteilen.

    Meines Erachtens handelt es sich hier um einen großartigen Roman, der mit reduzierten Mitteln unglaublich viel Tiefe schafft. Ich bin restlos begeistert und möchte die Lektüre von „Lori“ uneingeschränkt empfehlen.

    5/5 Sterne
    Unerwünschte Töchter

    Miriam Carbe
    Unerwünschte Töchter (Buch)

    4 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern
    19.06.2026

    Umfassendes Porträt weiblicher Biografien

    Miriam Carbe ist eine der vier Frauengenerationen, die in diesem fast schon epochalen Debüt durch ihr Leben begleitet werden. Von Urgroßmutter Margarethe, die um 1900 in Dresden in einer edlen, wohlhabenden Familie des Bildungsbürgertums aufwächst, eine moderne Lehre zur Kindergärtnerin absolviert und kurz bevor ihr Mann im Ersten Weltkrieg fällt, zwei Kinder zur Welt bringt. Eins davon ist Marianne, die Großmutter von Miriam, welcher nach dem zunehmenden sozialen Abstieg der Familie nun in Meiningen in Thüringen ansässig ein ähnliches Schicksal ereilt. Als Sekretärin in einer Wehrmachtskaserne lernt sie als ihren Vorgesetzten einen Juristen und Offizier kennen, von dem sie eine Tochter, Monika, erwartet noch während dieser in den letzten Kriegstagen fällt. Alleinerziehend reist sie in den Westen aus und schlägt sich am unteren Ende des sozioökonomischen Gefüges in Ostwestfalen durch. Monika wird die junge Mutter Miriams sein. Sie wird von einem nigerianischen Mitstudenten geschwängert und bekommt ein dunkelhäutiges Mädchen in mitten einer Familie von Nazi-Sympathisanten.

    Carbes Roman, welchen sie aus dem umfänglichen Nachlass ihrer tagebuchschreibenden weiblichen Vorfahren herausgearbeitet hat, blickt über ein komplettes Jahrhundert hinweg tief in die Seelen dieser verschiedenen Frauengenerationen. So befasst sich „Unerwünschte Töchter“ nicht nur mit dem Thema Gender und wie dieses den Lebensweg bestimmt, sondern auch Klasse und Race. Dabei geht Carbe recht übersichtlich chronologisch vor, wenn es um den erzählenden Teil des Familienplots geht. Hier kann man sehr angenehm im personalen Erzählstil den Frauen der Familie folgen und vertieft sich soghaft in ihre Leben. Zwischen den historisch-chronologischen Kapiteln fügt Carbe Meta-Kapitel ein. In diesen greift sie einen Themenbereich wie z.B. „Umzüge“, „Das Rauchen“ oder „Weihnachten“ heraus und wechselt in die Ich-Perspektive, um essayistisch angehaucht einen Blick auf das entsprechende Themengebiet generationsübergreifend zu werfen.

    Ich muss sagen, dass mich die historisch-chronologische Ebene stärker in ihren Bann gezogen hat, als die eingeworfenen Meta-Kapitel. Im Verlauf dieser Meta-Kapitel hatte ich immer mehr Probleme damit, die einzelnen Frauenfiguren auseinanderzuhalten, da nun, die kurz zuvor noch „Mutter“ genannte Marianne plötzlich die „Großmutter“ ist, weil ja aus Sicht von Miriam Carbe in der Ich-Form erzählt wird. Auch tauchen dort jegliche Kosenamen der Figuren auf. Imma für Margarethe, Nanni für Marianne usw. Das hat mich wirklich verwirrt. So finde ich zwar die Idee, einzelne Themenbereich gesondert zu betrachten und vergleichend alle Protagonistinnen in ein Kapitel zu werfen nicht uninteressant, aber in diesem Rahmen einfach zu unübersichtlich. Auch wurde mit der Plotanteil um Monika, der Mutter der Autorin Miriam Carbe, im letzten Drittel des Buches einfach zu ausschweifend. Hier vor allem die immer wieder auftauchenden Liebeleien und Schwärmereien für Jungs/Männer. Gerade als ich dachte, die Längen gehen mir nun doch etwas zu stark auf die Nerven, erfährt man jedoch von einer psychotischen Erkrankung von Monika ab dem frühen Erwachsenenalter. Nun dachte ich: Ja, jetzt wird es wieder interessanter. Aber leider hält sich Carbe an diesen Stellen recht bedeckt, zumindest im Vergleich zu den Ausführungen zu verschiedensten Schwärmereien noch kurz zuvor. Das finde ich schade, sehe ich hier doch ein vergebenes Potenzial, um auf die Behandlung psychiatrischer Erkrankungen bei Frauen dieser Generation einzugehen.

    So hat mir „Unerwünschte Töchter“ wirklich sehr gut in der Gesamtheit gefallen. Ein wirklich epochales Debüt, welches meines Erachtens aber auch noch Luft nach oben gehabt hätte. Trotzdem gibt es auf jeden Fall eine klare Leseempfehlung von meiner Seite für dieses generationenübergreifende Werk.

    4/5 Sterne
    Überreste

    Daryll Delgado
    Überreste (Buch)

    4 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern
    17.04.2026

    Kinahanglan manumdom = Wir müssen uns erinnern

    Für alle, die es schon wieder vergessen oder nie gewusst haben: Im November 2013 zog der Super-Taifun Haiyan über die zentrale Inselgruppe der Philippinen mit einer Spitzgengeschwindigkeit von 315 km/h. Noch einmal: 315 km/h! Es kamen über 7000 Menschen ums Leben, betroffen war vor allem die Stadt Tacloban. Nachdem man das Buch „Überreste“ von Daryll Delgado gelesen hat, fragt man sich, wie überhaupt jemand diesen tropischen Wirbelsturm hat überleben können. Schnell sind die kurzen Meldungen in unseren Nachrichten wieder vergessen, wenn von den Folgen der Klimakrise im globalen Süden berichtet wird. Solange nicht viele Touristen aus dem globalen Norden sterben, wie beim Tsumani 2004, bleibt es meist bei einer kurzen Meldung. Was so eine Umweltkatastrophe allerdings ganz konkret für die vor Ort lebenden Menschen bedeutet, dem geht Delgado, selbst in Tacloban geboren und aufgewachsen, in ihrem Debütroman nach.

    Wir begleiten Ann, die in Tacloban aufwuchs, zurück in ihren Geburtsort, wenige Tage nachdem Haiyan diesen fast restlos zerstörte, um ihr nicht nur bei ihrer Arbeit für eine NGO über die Schulter zu schauen, sondern auch in ihre eigene Psyche hinein, denn Tacloban birgt für sie ganz persönliche Familiengeheimnisse, denen sie in diesem Zuge auf den Grund gehen will. Nur drei Tage hat sie finanziert bekommen, danach muss sie wieder abreisen. In diesen drei Tagen macht sie sich auf, Aussagen von Betroffenen zu sammeln, Orte, die sie von ihrer Kindheit kennt, aufzusuchen und das Ausmaß der Zerstörung zu begreifen.

    Delgado rückt nicht nur die Geschichten der Betroffenen direkt nach der Umweltkatastrophe auf den Philippinen ins Zentrum ihres Romans, sondern auch die jüngere politische Historie der Philippinen an und für sich. Da die Eltern ihrer Protagonistin Ann in den 1970er/80er Jahren noch während der Diktatur Ferdinand Marcos‘ scheinbar eng mit dem Präsidentenpaar verbandelt war´, sich dann die Mutter jedoch plötzlich aus der Familie zurückzog, beschäftigt Ann ihre Familiengeschichte mit all ihren Geheimnissen bis heute.

    Um dies besser verstehen zu können, hat der Verlag einen kurzen geschichtlichen Abriss zu den Philippinen im Anhang des Buches abgedruckt. Dieser Abriss ist unglaublich wertvoll, um die Hintergründe von Anns Familiengeschichte besser zu verstehen als auch um sich selbst weiterzubilden bezüglich dieses 7500 Inseln umfassenden Staates. Ebenso hilfreich sind die zahlreichen Anmerkungen hauptsächlich zu Besonderheiten der Sprache der um Tacloban ansässigen Waray-Bevölkerungsgruppe, da im Text viele Ausdrücke in der Waray-Sprache eingebaut sind. Außerdem enthält der Roman authentische Interviewmitschriften von vom Taifun Betroffenen, die allerdings direkt ins Deutsche übersetzt wurden, im Originalroman wohl aber sowohl in Waray als auch Englisch abgedruckt wurden.

    Insgesamt muss ich sagen, dass dieser Roman inhaltlich von hohem Wert ist, um sich der Folgen des Klimawandels und den damit verbundenen Katastrophen, die sich direkt auf viele Menschen und besonders auf die Bevölkerung der Philippinen auswirken bewusst zu werden. Ich habe unglaublich viel gelernt im Rahmen dieser Lektüre.

    Allerdings hatte ich meine Probleme mit dem ein oder anderen zusätzlich eingebauten Themengebiet, welche zum Plot des Romans gehörten. So erschien mir die Suche von Ann nach einer Verwandten eines Freundes der Familie sowie nach einer „Bestie“, welche in Tacloban ihr Unwesen treiben soll und mit diesem Freund zusammenhängt zu schwammig. Ich nehme an, hier soll die Bestie metaphorisch für Geheimnisse der Vergangenheit stehen, bekommt dann aber ein sehr physisches Auftreten. Für mich waren die Beweggründe von Ann nicht richtig greifbar. Zusätzlich taucht immer wieder im Zwiegespräch Ann Schwester Alice auf, die in den USA Psychologie studiert hat. Diese psychologisiert ständig an ihrer Schwester herum, was wahrscheinlich die Art der Autorin ist, um die psychologischen Folgen eines Traumas zu verdeutlichen. Auch war mir von Anfang an nicht so richtig klar, was eigentlich die Aufgabe der NGO ist, von der Ann entsandt wurde, und auch was eigentlich konkret Anns Aufgabe ist. Sie soll wohl eine Mappe zusammenstellen, die die Resilienz, die „Erholung“ von Menschen nach einem solchen Ereignis darstellt. Dafür bekommt sie nur drei Tage Zeit. Also sammelt sie Aussagen von Überlebenden, dies aber so kurz nach dem Ereignis selbst. Aber so richtig etwas darunter vorstellen, konnte ich mir bis zum Ende nicht. Auch erlebt Ann in den drei Tagen so viel, trifft so viele Menschen, dass es zumindest so wirkt, als ob das gar nicht schaffbar ist in dieser kurzen Zeit. Eindeutig noch nebulöser empfand ich jedoch die Geschichte um die Bestie und den Familienfreund. Leider konnten mich diese erzählerischen Entscheidungen nicht überzeugen und letztlich auch nicht gut mitnehmen, sodass ich gerade ab der zweiten Hälfte des Romans eher damit zu kämpfen hatte. So fragt ein alter Kindheitsfreund von Ann und ihr Begleiter durch das zerstörte Tacloban genau das, was ich mich als Leserin ebenso fragte und spricht mir aus der Seele: „Ann, ano gud, worum geht es hier eigentlich? Wozu die ganzen Fragen?“

    Es handelt sich hier um einen thematisch wichtigen Roman, mit dem ich erzählerisch allerdings meine Probleme hatte. Trotzdem würde ich zu einer Lektüre raten, gerade auch aufgrund der ganz besonderen Gesamtzusammenstellung durch den Verlag und die sehr gute Übersetzungsleistung von Gabriele Haefs. Hier geht es um echte Menschen und ihre Schicksale, welche durch den Taifun maßgeblich geprägt wurden. Denn wie es Delgado im Roman benennt, gab „es um uns herum nur Finsternis […], Chaos, Tod und Verwüstung.“ Allein schon für all diese Toten und Überlebenden einer schrecklichen, letztlich menschengemachten bzw. zumindest menschenverstärkten Naturkatastrophe, die ein kollektives Trauma induziert hat, ist es wichtig, dass wir uns erinnern. Kinahanglan manumdom.

    3,5/5 Sterne
    Sie wollen uns erzählen

    Birgit Birnbacher
    Sie wollen uns erzählen (Buch)

    4 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern
    11.04.2026

    Im Anderssein genau richtig sein

    Der Drittklässler Oz/Ozzy/Oswald ist anders. Seine Mutter Ann auch. Beide sind neurodivergent und haben ADHS. Aber sie sind eben auch genau richtig und dies bringt Birgit Birnbacher in ihrem warmherzigen Roman wirklich eindrücklich rüber.

    Als Oz mit seinem Zeugnis einen Brief von seiner Klassenlehrerin, der über ihn Schlimmes behauptet, mit nachhause bringt, wünscht er sich, etwas Mittelschlimmes würde passieren und die Mutter Ann ablenken, damit das, was im Brief steht, gar nicht mehr so ins Gewicht fällt. Dann passiert tatsächlich etwas Schlimmes, denn Oz‘ Großmutter Zäzilia verschwindet aus dem Krankenhaus und muss gesucht werden, also machen sich Ann und Oz auf den Weg in die Berge. Anns Schwester Nell wird auch mit hinzugerufen und dann gibt es da noch den Nachbarn von Oz‘ Großmutter, genannt „Der Leipziger“. Und weil ein Unglück selten allein kommt, wird dann alles noch schlimmer.

    Die größten Sträken von Birnbachers neuen Roman liegt eindeutig in der Darstellung der Figuren Oz und seiner Mutter Ann. Und auch wenn ich mich dagegen verwehre, dass jemand mit ADHS oder Autismus „daran leidet“ (weil: es handelt sich nicht um eine schreckliche Erkrankung, sondern kurz gesagt eine andere Art neurologisch zu funktionieren als die Masse der Menschen), so leiden doch beide darunter mit dieser Besonderheit in der kapitalistischen Leistungsgesellschaft zurechtzukommen. Oz ist in der Schule ganz anders gefordert als die meisten Kinder und Ann versucht im Arbeitsleben sowie als getrennt lebende Mutter über die Runden zu kommen. Birnbacher geht in die Tiefe, wenn sie die Besonderheiten im Denken, Fühlen und Handeln ihrer Hauptprotagonist:innen darstellt und schafft dies auf unglaublich authentische Art und Weise. Hier hat sie hervorragend recherchiert, sich beraten lassen und schriftstellerisch das Wissen wirklich congenial umgesetzt. Konnte ich Ann und ihre Kämpfe sehr gut nachvollziehen, so habe ich mit dem kleinen Oz richtig mitgefiebert. Er ist ein toller Junge, dem ich so gern durch diese Geschichte gefolgt bin.

    Sprachlich ist „Sie wollen uns erzählen“ wieder einmal, wie von Birgit Birnbacher gewohnt, ausgesprochen gelungen. Mit nur wenigen Worten erschafft sie die Außen- wie auch Innenwelt ihrer Figuren. Prägnant bringt sie Probleme auf den Tisch und zeigt gesellschaftliche Mängel im Umgang mit neurodivergenten Menschen auf.

    Allein die Nebenfiguren und die damit verbundene Handlung waren für mich eher Fremdkörper in diesem Roman, die von der eigentlichen Geschichte um Oz und seine Mutter ablenken. Auch fand ich zum Ende hin die Handlung bzw. Andeutungen, was zwischen den Figuren abläuft und zukünftig ablaufen könnte mitunter doch sehr abstrus. Dies hätte dann ein eigener Roman mit einer eigenen Sprache und einer differenzierteren Handlung werden sollen. Hier aber stört dies die eindrückliche Geschichte meines kleinen Helden Oz und seiner Mutter Ann.

    Deshalb wird der vorliegende Roman leider nicht ein Highlight für mich sein, wenngleich ich ihn trotzdem wärmstens empfehlen kann, da ich eine prosaische Darstellung von ADHS so authentisch und nah an den Menschen bisher noch nicht gelesen habe.

    4/5 Sterne
    Hummelhirn

    Judith Holofernes
    Hummelhirn (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    04.04.2026

    klug - bescheiden - NETT - neurodivergent

    In ihrem zweiten Buch widmet sich Judith Holofernes, bekannt als ehemalige Sängerin und Songtexterin von Wir sind Helden sowie als Solokünsterlin und Podcasterin, ihrer Kindheit und Jugend in Berlin und Freiburg im Breisgau. Dabei schreibt sie nicht einfach eine lahme Künstlerinnen-Autobiografie zusammen, sondern legt ein Augenmerk auf ihre besondere, nicht durchschnittliche Art das Leben zu deuten und durch selbiges zu gehen. Dass hier ein neurodivergentes Mädchen ihren Weg erst noch finden muss, ist hintergründig immer Thema, wenngleich die Autorin dies ihrer Leserschaft nicht auf die Nase bindet. Denn vordergründig wird von einem kleinen Mädchen gesellschaftlich verlangt „klug, bescheiden und nett“ zu sein.

    So geht es in ihrer ganz persönlichen Geschichte, die die Autorin halb-chronologisch aus ihrer Kindheit in den 1970ern bis in die frühen 2000er durch Zeitsprünge und Blitzlichter in spätere Erwachsenenjahre erzählt, eigentlich um „das Nettsein“ und welche Anstrengungen damit verbunden sind, wenn man eigentlich Ummeln im Hintern, im Hirn und im Herzen hat. Dass diese Judith ihr aus heutiger Sicht fragwürdiges Ziel erreichen und die wohl netteste Person im deutschen Showbiz sein wird, wissen wir aus ihrem vorherigen Buch „Die Träume anderer Leute“. Und wir wissen aus diesem Buch auch, zu welchem Preis sie dieses Ziel erreicht. In „Hummelhirn“ geht es aber um die Voraussetzungen, um die Momente im Leben, die prägen und die die Idee einpflanzen, auf eigene Kosten und unter allen Umständen „nett“ sein zu wollen und zu müssen.

    Die Autorin geht dabei mit ihrer Diagnose, die sie erst mit 46 Jahren erhalten wird, nicht hausieren. Hier durchbricht sie sogar ganz wunderbar die Vierte Wand und lässt ihren Lektor zu Wort kommen, der von ihr wünscht, die Diagnose ins Buch zu schreiben. Holofernes will aber ein Buch „für alle komischen Kinder“ schreiben und deshalb nicht die Diagnose benennen, die für einigermaßen Kundige natürlich schon vollkommen klar ist. Das macht die Autorin so unglaublich authentisch und , ja, auch sympathisch. Denn ihre Erfahrungen, mit gewissen Abwandlungen, sind auf andere Neurodivergenzen übertragbar. Selbst ihre Reaktion auf die Diagnose ist universell.

    Allein die vielen juvenilen Tagebucheinträge im letzten Drittel des Buches haben mich etwas verwundert und zunächst auch in ihrer Menge etwas genervt. Zunächst hatte ich den Eindruck, diese würden nun aber wirklich zu sehr die Oberhand gewinnen, aber zum Ende hin wird klar: die Autorin möchte zeigen, dass sie nicht nur ein Hummelhirn sondern auch ein Hummelherz hat. Und um dies zu zeigen und nicht nur zu erzählen, nutzt die Autorin hier ihre alten Tagebuchaufzeichnungen. Fair enough.

    Es scheint klar: Viele Helden-Fans werden dieses Buch kaufen und lesen. Aber genauso klar sollte sein: Es ist die Geschichte eines neurodivergenten Mädchens, welche darüber hinaus ganz viele Menschen interessieren könnte und sollte, da sie so universell verdeutlicht, wie es ist, wenn man nicht so ist wie die Mehrzahl der anderen. Deshalb empfehle ich auch ganz grundsätzlich die Lektüre dieses wunderbaren Buches, welches nicht nur sehr gut geschrieben ist, sondern auch wieder wirklich schön von Carolina Rodriguez Fuenmayor illustratorisch in Szene gesetzt wurde.

    4,5/5 Sterne

    Disclaimer für alle, die noch nichts mit „Neurodivergenz“ und „Neurodiversität“ anfangen können:

    Unter Neurodivergenz werden unter einem Schirm Menschen mit verschiedenen, meist angeborenen, neurologischen Besonderheiten wie ADHS und Autismus (aber auch viele andere) zusammengefasst. Neurodiversität beschreibt das verschiedenartige Vorkommen dieser Neurodivergenzen und neurotypischen (durchschnittlich-mehrheitlichen, neurologisch „unauffälligen“) Menschen innerhalb einer Menschengruppe = diese Gruppe ist dann divers. Ein einzelner Mensch kann neurodivergent sein. Hier sollte der Verlag noch einmal auf den Klappentext schauen, da die Begriffe synonym verwendet werden, was sie nicht sind!
    Sanditz

    Lukas Rietzschel
    Sanditz (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    04.04.2026

    Eindrückliches Personen-Geschichten-Panorama eines ostdeutschen Städtchens

    „Sanditz“ ist ein fikitver Ort in Ostsachsen. Landschaftlich und gesellschaftlich dominiert durch den Tagebau versammeln sich hier verschiedenste Persönlichkeiten mit ihren ganz eigenen Geschichten. Wir erleben den Wandel von einem durch den voranschreitenden Tagebau gefressenen und dann neu wieder aufgebauten Ort zu DDR-Zeit hin zu einem Ort, dessen Bewohner in den 2020er Jahren mit ganz eigenen und globalen Problemen zu kämpfen haben. Dabei entwirft Lukas Rietzschel ein grandios erfundenes Wimmelbild, welches exemplarisch für viele Orte und Biografien steht, ohne jemals auf Klischees zurückzugreifen. Meines Erachtens ist dies Rietzschels stärkster Roman, der in seiner Breite und ohne Moralisierungen das spannende Bild eines Ortes und seiner Geschichte(n) zeichnet.

    Dabei nutzt der Autor eine halbchronologische, episodenhafte Erzählweise, die aus vielen kleinen kachelartigen Versatzstücken das Bild von diesem Sanditz und seinen Bewohnern heraufbeschwört. Man kann sich jede Kachel für sich allein ansehen und betrachten, tritt man allerdings einen Schritt zurück, sieht man das ganze Ausmaß der Geschehnisse. Auch wenn wir hier eine zentrale Familie, Familie Wenzel, haben, deren Mitglieder wir immer wieder treffen, so handelt es sich aber keinesfalls um einen Familien- oder Generationenroman. Nach und nach setzen sich während fortschreitender Lektüre die Lebensgeschichten der Protagonisten zusammen. Das führt zu vielen kleinen Spannungsbögen, da wir zwischen den 1970er und 2020er Jahren hin und her springen bzw. uns von den 1970er Jahren an unsere Gegenwart heranarbeiten.

    Währenddessen greift Rietzschel verschiedene Themen auf, wie die Zerstörung von Ortschaften durch fortschreidenden Tagebau und den damit verbundenen Verlust von Heimat; das kränkelnde System der DDR mit ihrer Bespitzelung und dem entgegengesetzt der Zusammenhalt und Freiheitsdrang einer Glaubensgemeinschaft; die Identitätssuche nach einer Wende, die nicht so ablief, wie es sich viele gewünscht hätten; bis hin zur Suche nach einer Lebensaufgabe, selbst wenn dies mit dem Aufgeben des Lebens durch das Ziehen in einen Krieg bedeutet.

    Erstaunt war ich über die breit gefächerte Themenpalette des Romans, ohne dass ich das Gefühl gehabt hätte, es werden Themen nur kurz angeschnitten oder des reinen Effekts wegen aufgegriffen. Alles hängt hier miteinander zusammen. Manchmal offensichtlich, manchmal sehr hintergründig. Er nutzt außerdem gekonnt Sagenfiguren, um Verbingungen zu verdeutlichen und zwischen historischen Ereignissen und der Gegenwart herzustellen.

    Die Figurenzeichnung erscheint sowohl exemplarisch wie auch ganz individuell. Und dies nicht nur bei Hauptfiguren sondern auch und gerade bei Nebenfiguren, die keineswegs als reine Staffage gelten.

    Zuletzt möchte ich noch erwähnen, dass ich über die detaillierte Darstellung der Kämpfe in der Ukraine erstaunt war. Dies hatte ich so nicht erwartet. Und für mich war es eine Bereicherung, weil sich für mich gezeigt hat, dass fernab der modernen Technik (Drohnen etc.) der Infanterie-Kampf heutzutage im Krieg immer noch genauso schrecklich abläuft wie schon während des ersten Weltkrieges. Ich hatte das Gefühl, ich könnte hier „Das Feuer“ von Barbusse neben die entsprechenden Passagen aus „Sanditz“ legen. Erschreckend und eindringlich!

    Für mich handelt es sich hier um einen ganz großen Roman, der mich voll und ganz gepackt hat und den ich regelrecht eingesogen habe. Eine klare Leseempfehlung für Lukas Rietzschels dritten Roman!

    5/5 Sterne
    Die Stimmen der Nacht

    Tochi Eze
    Die Stimmen der Nacht (Buch)

    4 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern
    04.04.2026

    Zwischen Fluch und psychischer Erkrankung

    In ihrem Debütroman spannt die nigerianische Autorin Tochi Eze den Bogen über die Geschichte zweier Familien von 1905 bis 2005 und damit über ein ganzes Jahrhundert hinweg. Wir erleben den Wandel von einer noch von den weißen Kolonisatoren und Missionaren unberührte Zeit hin in die globalisierte Gegenwart mit all ihren Folgen. Dabei greift die Autorin sowohl ursprüngliche Glaubensvorstellungen als auch die Thematik von psychischer Störung auf und verwebt sie in eine unglückliche Liebesgeschichte zwischen zwei Menschen, deren Vorfahren zwar teilweise aus demselben Dorf stammen, die aber doch ganz unterschiedliche Wege gegangen sind, bis sie sich fanden und wieder verloren.

    Zentrale Figuren sind Margaret und Benjamin, die sich in den 1960ern in Lagos kennen und lieben lernen. Allerdings wird hier keine stringente Liebesgeschichte erzählt. Immer wieder springen wir zwischen den Jahren 1905, den 1960/70ern und 2005 hin und her. So bekommen wir einen breiten Überblick über die Vorfahren von Margaret, welche schon immer „verflucht“ zu sein scheinen, und von Benjamin, der hellhäutig ist, da sein Großvater ein weißer Missionar gewesen ist. Durch die zeitlichen und örtlichen Sprünge wird der Roman zu einem Flechtwerk von Lebensrealitäten, die den Wandel der Zeit aufzeigen und auch den Wandel von Definitionen und Zuschreibungen. Was früher allgemein akzeptiert wurde als ein Fluch, der auf einer Ahnenreihe liegt, wird heutzutage als Schizophrenie benannt. Mir gefällt sehr, dass Tochi Eze hier keine klare Antwort liefert, sondern es offen lässt, was dies nun ist, was diese Familie befallen hat, und dem wir in unterschiedlichen Generationen unterschiedliche Namen geben. Diese thematische Fokussierung war für mich überraschend und gleichzeitig dadurch die größte Stärke des Romans.

    Auch wenn der sprunghafte Erzählstil, der allerdings immer zu Beginn eines neuen Kapitels durch Zeit- und Ortsangaben angekündigt wird und damit nicht überraschend kommt, es manchmal schwer macht, auf Anhieb noch genau zu wissen, wer jetzt von wem gleich der Vorfahr oder Nachfahr war, hat mich der Roman nie verloren. Ich fand den Erzählstil und vor allem den Fokus der Geschichte sehr erfrischend. Zwar bilden Margaret und Benjamin die Bindeglieder zwischen den Familien und Zeiten, trotzdem sind sie auch nie nur die einzigen Hauptfiguren.

    Ein insgesamt gelungener, inhaltlich überraschender Debütroman, dessen Autorin man weiterhin im Blick behalten sollte.

    4,5/5 Sterne
    Gelbe Monster

    Clara Leinemann
    Gelbe Monster (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    12.03.2026

    Das Main Character Syndrome gepaart mit der Gewaltbereitschaft einer Frau

    Charlie ist eine junge Frau, die gerade dabei ist, ihren Studienabschluss in Mathematik zu absolvieren und bestenfalls danach noch zu promovieren. Wer würde erwarten, dass diese junge Frau an einem Antiaggressionstraining teilnehmen muss? Wahrscheinlich auf den ersten Blick niemand. Aber so ist es, denn wir wissen, dass sie von ihrer besten Freundin aufgenommen wurde, da ihre eigene Wohnung scheinbar zerstört ist, und dass dies irgendetwas mit ihrem (Ex-)Partner zu tun hat. Charlie hat zu Gewalt gegriffen und auf den nicht einmal 200 Seiten erfahren wir, wie es dazu kommen konnte.

    Beginnt man Clara Leinemanns Debütroman zu lesen, erscheint Charlie, die wir durch die personale Erzählperspektive kennenlernen, erst einmal stark unsympathisch. Alles scheint sich nur um sie selbst zu drehen, immer sind alle anderen schuld. Dabei schafft es Leinemann eigentlich hier perfekt eine junge Frau mit „main character syndrome“ schriftstellerisch darzustellen. Dieses „Hauptcharakter“-Syndrom beschreibt eine Person, die als sei sie die Hauptperson in einer Geschichte. Sie sieht sich selbst als eine Figur, um die sich alles dreht. Der Unterschied zum Egoismus ist, dass das gesamte Leben zusätzlich „filmreif“ inszeniert wird, es immer auf die Wirkung ankommt und die betroffene Person meint, ihr stehe - einfach so, ganz natürlich – ein herausragendes Leben zu. Charlie lebt in einer RomCom, seit sie Valentin kennengelernt hat. Alles scheint perfekt zu passen und nun hat sich auch Valentin gefälligst danach zu verhalten. Nur tut er das nicht immer und bei Charlie kommen außerdem noch narzisstische Tendenzen hinzu mit einem geringen Selbstwertgefühl und so wird Charlie nicht nur verbal ausfällig, sondern auch gewalttätig.

    Psychologisch entwirft das Leinemann ganz geschickt, ohne im Roman zu psychologisieren. Vollkommen authentisch entwickelt die Autorin aus der Figur Charlie heraus die Probleme und letztlich die Katastrophe, auf die die Figur zusteuert. Wie diese Figur in Tagträumen von perfekt inszenierten Filmszenen schwelgt, um von ihrer eigenen, pathetischen Fantasie überwältigt sogar Tränen in den Augen zu haben. Sie sieht sich als Heldin ihrer Geschichte und schafft es sogar einmal mit Valentin (ohne, dass dieser etwas davon mitbekommt) die Pietà auf dem Bett in Szene zu setzen. Selbst wirft sie ihm innerlich vor, ein manipulativer Narzisst zu sein und merkt nicht, dass sie es doch selbst ist. Wie dann sich langsam immer mehr Gewalt, zunächst über die verbale Ebene und später vermehrt durch körperliche Übergriffe von Seiten Charlie, in die Beziehung schleicht, können wir Lesenden durch geschickt gesetzte Rückblicke nachvollziehen.

    Ich finde insgesamt hat es Clara Leinemann auf wenigen Seiten geschafft ein Fallbeispiel für weibliche Gewalt in einer Partnerschaft zu umreißen und die Kaskade der Aggression zu verdeutlichen. Mir hätte das Buch noch mehr gefallen, wenn sie sich mehr als nur zwei Sätze Zeit genommen hätte, um auf die Ursprünge von Charlies niedrigem Selbstwertgefühl einzugehen. Aber die Andeutung reicht, um eine Ahnung davon zu bekommen, wie groß eigentlich der Eisberg unterhalb der Wasseroberfläche ist. Und weil dieser Eisberg so groß ist, kann zwar Charlie im Laufe des Buches eine kleine, fortschrittliche Entwicklung durchmachen, wir merken jedoch zum Ende hin, dass eine Persönlichkeitsstruktur nicht einfach so umgepolt werden kann.

    Somit kann ich die Lektüre dieses Debütromans nur empfehlen, um ein Gespür für ein selten in der Literatur thematisiertes Problemfeld zu bekommen.

    4,5/5 Sterne
    Schleifen

    Elias Hirschl
    Schleifen (Buch)

    4 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern
    20.02.2026

    Anspruchsvoll und radikal und gerade deshalb lesenswert!

    Eigentlich kann man Sprache und Worte allein gar nicht verwenden, um diesen multifaktoriellen Roman zu beschreiben. Ich sitze an dieser Rezension und da ist Leere. Aber eine gute Form von Leere. Alles dreht sich, alles wiederholt sich, alles ist eins. Oder eben Null… oder 10hoch10hoch10hoch32 oder so.

    Wenn man sich an irgendetwas festhalten will, um den Inhalt dieses Romans darzulegen, dann wahrscheinlich am ehesten an Franziska Denk und Otto Mandl. Die Geschichte setzt in den früher 1930er Jahren in Wiens Salons ein, in denen sich die zeitgenössische Elite der Philosophie und Wissenschaft treffen. Schon als Kind nimmt Franziska daran teil, erleidet allerdings krankheitsbedingte Zusammenbrüche, da sie jedes Symptom, von dem sie liest oder hört, sofort selbst ausbildet. Ihre Jugend im US-amerikanischen Exil wird sehr einsam sein, ebenso wie die von Otto, der als Kind, getrennt von seinen Eltern nach Großbritannien verschifft wurde. Sie finden über eine Brieffreundschaft zueinander und werden ein Leben lang miteinander verbunden sein. Aber um ehrlich zu sein, ist dies nur eine sehr, sehr lose Rahmenhandlung, die mit dem vorliegenden Roman eigentlich nicht viel zu tun hat.

    Eigentlich geht es hier um Sprache und Mathematik, um Philosophie und Wissenschaft. Jedes Kapitel - eigentlich jede Seite - bringt neue Überraschungen bezüglich ebenso hoch anspruchsvoller Theorien und mitunter im selben Atemzug schreiend komische Ideen. Hier wird die Welt aus dem Nichts hergeleitet und sie verschwindet auch im Nichts. Denn Franziska Denk (oder das Konzept Franziska Denk) wird mit Otto eine Sekte gründen, die es sich auf die Fahnen geschrieben hat mithilfe von Philologie und Mathematik erst eine gänzlich neue Sprache und letztlich die Auslöschung der Sprache voranzutreiben. Dabei kommt es zu aberwitzigen Beschreibungen, die man selbst gelesen haben muss, denn eine nachträglich Verschriftlichung in einer Rezension entbehrt jeder Logik und jedem Sinn.

    Klingt jetzt alles sehr kryptisch. Ist es auch!

    Neben den vielen beschriebenen Theorien aus verschiedenen Disziplinen, die es zu verstehen gilt, oder eben nicht, wird die virtuose Verflechtung von Fiktion und Realität (Was ist das überhaupt? Fragt man sich während und nach der Lektüre.) zu einem anspruchsvollen Bestandteil des Schreibens von Elias Hirschl. Versucht man zu Beginn noch beides auseinanderzuhalten, lässt man sich im Verlauf des Romans immer weiter von den Schleifen der Geschichte davontragen.

    Mir persönlich hat die erste Hälfte des Romans, welches den „Teil 1“ ausmacht am besten gefallen. Hier konnte ich mich in verschiedenste Theorien und Gedankenspiele vertiefen, lachte immer wieder laut auf und war begeistert von Hirschls Schreiben und Geistesinhalte. Ab „Teil 2“ und auch im abschließenden „Teil 3“ des Romans kumulierten sich die Längen. Hirschl setzt das um, was er auf Seite 340 schreibt:

    „All die verschiedenen Konzepte. All die Begriffe, die sich vor ihren Augen auflösten. Vielleicht verhielt es sich ähnlich mit den Quellen. Vielleicht machte es keinen Unterschied mehr, wo eine Information herkam, wie die Biografie einer Idee aussah. Alles war unübersichtlich, löchrig, brüchig geworden.“

    Und so wird auch die Welt, in der „Schleifen“ spielt immer unübersichtlicher, löchriger und brüchiger. Alles löst sich auf, beginnend mit der Sprache.

    Elias Hirschl beherrscht definitiv die Sprache. Und auch vieles mehr. Ich empfand den ersten Teil des Romans brillant, den Rest sehr gut, wenn auch „schleifend“. Genau das ist sicherlich gewollt, war mir dann aber ein Tacken zu viel. Letztlich kann ich nur empfehlen, mutig zu sein, und sich an diesen Roman heranzuwagen. Es gibt unendlich (oder annähernd unendlich, nicht zählbar) viele Perlen zu entdecken. Und Schleifen sowieso!

    Ich habe selten einen so fordernden Roman gelesen, der gleichzeitig beim Lesen so viel Spaß gemacht hat. Bis auf kleine Längen wirklich ein Erlebnis.

    4/5 Sterne
    Treppe aus Papier

    Henrik Szántó
    Treppe aus Papier (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    14.11.2025

    Dieses Haus hat viel zu erzählen – und das sehr originell

    In Henrik Szántós Romandebüt „Treppe aus Papier“ erzählt ein ganzes Haus die Geschichte seiner Bewohner – der ehemaligen und gegenwärtigen. In unserer Gegenwart treffen die 15jährige Nele und die 90jährige Irma aufeinander. Die eine muss gerade für den Geschichtsunterricht etwas über das Dritte Reich und die Gründung der BRD lernen, die andere hat dies hautnah selbst miterlebt. Irma hat auch miterlebt, wie Juden verschleppt wurden und ihre Familie ist nicht unschuldig daran. Durch den Kontakt der beiden treffen Generationen aufeinander, etwas, was in der Wahrnehmung des Hauses sowieso ständig passiert.

    Szántó lässt sich nämlich etwas ganz besonderes für seinen Roman einfallen: Es spricht nicht nur in der „Wir“-Form das Haus mit uns, sondern in seiner Wahrnehmung findet alles gleichzeitig statt. Es überlagern sich dutzende Menschen, Situationen, Geräusche, Gerüche in einem Moment des Erzählens, da Zeit, wie wir sie kennen, für so ein altes Gemäuer nicht existiert.

    Habe ich zu Beginn noch gedacht, der Spoken-Word-Künstler Szántó übernehme sich hier ein bisschen, webt er doch auf den ersten Seiten all seine Sprachkunst auf einmal ein, entspannt sich die Sprache mit der Zeit und es ist problemlos möglich, den verschiedenen, gleichzeitig stattfindenden Erzählebenen zu folgen. „Gleichzeitig stattfindend“ heißt in diesem Falle, dass wir in einem Absatz der kleinen Jüdin Ruth als Schülerin in den 1930ern begegnen können, dem Baby Ruth auf dem Arm ihres Vaters Jahre zuvor, die Greisin Ruth, die mit ihrem Gehstock das Treppenhaus betritt und den Geruch von Zwiebelsuppe ins Haus hinauslässt. Das finde ich toll gemacht. Es liest sich ganz anders als Bücher, bei denen kapitelweise die Zeitebenen gewechselt werden. So kommt man den Figuren nicht nur sehr nahe, sondern auch dem Umstand, dass Vergangenes immer noch in der Nähe lauert. Und so natürlich auch nationalistische-rechtsextreme Gesinnungen, die da sind. Damals wie heute. Verdrängung, die gestriges nicht mehr wahrhaben will. Aber eins macht uns Szántó mit seinem Roman sehr deutlich bewusst: Vergangenheit existiert immer auch heute noch. Vergangenheit beeinflusst unsere Gegenwart und wird auch unsere Zukunft beeinflussen. Ob auf der persönlichen, familiären Ebene oder auf gesellschaftlicher Ebene. Ganz unwillkürlich fängt man an sich nicht nur noch einmal zu fragen, was die eigenen Vorfahren erlebt und zu verantworten haben, sondern auch was dieses oder jenes Haus nicht alles schon gesehen, gehört, gespürt hat.

    Ich habe in diesem kleinen Büchlein immer noch Hintergründe zur NS-Zeit und die Zeit kurz danach neu gelernt. Das macht das Buch für mich, durch seine Erzählperspektive, zu etwas Besonderem. Sodass ich dem Autor auch vergebe, dass die Sprachkunst manchmal mit ihm durchgeht und mitunter über mehrere Seiten hinweg, jeder Satz etwas drängendes will.

    Leseempfehlung von meiner Seite!

    4,5/5 Sterne
    Moscow Mule

    Maya Rosa
    Moscow Mule (Buch)

    2 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern Inaktiver Stern Inaktiver Stern
    10.11.2025

    Dieser Cocktail ist leider nicht gut gemixt

    „Moscow Mule“ bezeichnet einen Wodka-Cocktail, der interessanterweise nicht in Russland sondern in den USA erfunden wurde, um Wodka dort populär zu machen. Er ist also kein Exportschlager, sondern ganz und gar amerikanisch. Für mich ist der gleichnamige Roman von Maya Rosa leider auch kein Exportschlager. Ich finde den Mix nicht ausgewogen und das Buch trifft leider so gar nicht meinen Geschmack.

    Die Ich-Erzählerin Karina ist außerhalb von Moskau aufgewachsen und pendelt nun als Studentin des politischen Journalismus zwischen Moskau und einem Vorort, in dem sie bei ihrer Großmutter lebt, hin und her. Die meiste Zeit verbringt sie entweder mit ihrer besten Freundin Tonya, in einem Club oder im Bett mit einem (meist wildfremden) Mann. Wahlweise die letzten beiden Punkte auch zusammen mit Tonya. Beide wollen raus aus Russland, vor allem seit 2006 die kremlkritische Journalistin Anna Politkowskaja einfach so in Moskau ermordet wurde.

    Jetzt denkt man: Das ist eine wirklich gute Voraussetzung für einen tiefgründigen Roman, der sich mit der Seele junger, politisch engagierter Leute in Russland beschäftigt. Aber weit gefehlt. Tiefgründig wird es leider nie so richtig im Roman. Die Figuren bleiben unglaublich blass. Inhaltliche Tiefe will scheinbar allein dadurch erreicht werden, dass mehrfach der Mord an Anna Politkowskaja mehrfach erwähnt wird (mehr aber auch nicht). Vielleicht will der Roman auch die Selbstermächtigung zweier Frauen zeigen, die sich Männer zunutze machen. Aber letztlich vögeln sie sich nur durch die Gegend mit wechselnden Partnern, um bestenfalls einen Vorteil für sich herausschlagen zu können.

    Ich muss ehrlich zugeben, dass ich bis Seite 100 intensiv gelesen und gehofft habe, irgendwo Tiefe zu finden. Ab da habe ich eher so oberflächlich weitergelesen, wie auch der Text geschrieben ist. Leider tauchte bis zum Ende des Romans keine Szene mehr auf, die mich irgendwie mitnehmen konnte. Der Schreibstil ist durchschnittlich bis einfach gehalten und der angekündigte Humor trifft scheinbar so gar nicht meinen Sinn für Humor.

    Mich hat das Cover gleich auf den ersten Blick gebannt und der Klappentext klang interessant, ebenso wie die ersten Seiten. Aber es bleibt bei einer Aneinanderreihung von gefühlt zu belanglosen Szenen (im Vergleich dazu, was für ein Fass hätte aufgemacht werden können, da die Protagonistin politischen Journalismus studiert und kurz zuvor Anna Politkowskaja ermordet wurde). Es ist so schade, hatte ich doch zunächst ein großes Interesse an diesem Buch. Deshalb gibt es leider keine Leseempfehlung von mir für den unausgewogenen, eher langweiligen Cocktail „Moskow Mule“, den ich, hätte ich dafür nicht eine Rezension schreiben wollen, nicht einmal vollständig ausgetrunken (aka zu Ende gelesen) hätte.

    2/5 Sterne
    Prinzessin Alice

    Irene Dische
    Prinzessin Alice (Buch)

    4 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern
    01.10.2025

    Eine faszinierende, leider weggesperrte Adlige

    In ihrem Roman über die Großmutter des amtierenden König Charles III. trägt Irene Dische auf wenigen Seiten einige unfassbare Episoden aus dem Leben von Alice von Battenberg zusammen. Alice von Battenberg, die Enkelin von Königen Victoria, die mal ein koloniales Weltreich regierte und Tochter von Prinzessin Victoria (ja, es kann verwirrend sein), eine hochintelligente, belesene Frau (der ich aufgrund der kurzen Personenbeschreibung Autismus unterstellen würde), hatte selbst ein aufwühlendes Leben, welches dem ihrer Vorfahren und Nachkommen in nichts nachsteht. Taub geboren, lernte sie fünf Sprachen von den Lippen abzulesen und zu sprechen. Das brachte ihr bloß nicht mehr viel, als sie aufgrund ihres für ihre Familie unangenehmen Verhaltens in psychiatrische Kliniken gegen ihren Willen abgeschoben wurde. Alice war nämlich so gläubig und durchaus auch neurodivergent, dass sie der Meinung war, mit Jesus/Gott verheiratet zu sein. Im Gebet konnte sie sogar einen Orgasmus haben. Nie hat sie Eigen- oder Fremdgefährdung gezeigt, trotzdem war sie in den 1920er Jahren mit ihrem Verhalten auffällig genug, um sie bestialischen Behandlungsmethoden zu unterwerfen.

    Was in diesem Roman historisch überliefert ist und was Fiktion, ist nie ganz klar. Aber die groben Informationen scheinen (laut Wikipedia) zu stimmen. So wurde ihr von u.a. Sigmund Freud die wilde Diagnose „paranoide Schizophrenie, mitverursacht durch sexuelle Frustration aufgrund einer nicht ausgelebten Leidenschaft“ diagnostiziert und verbrachte mehrere Jahre in Sanatorien eingesperrt. Ich persönlich glaube dem Roman so ziemlich alles, was hier von Alice persönlich uns berichtet wird. Für mich ist allein schon die Lebensgeschichte dieser Adligen, mit ihrem ironischen Blick auf die eigene Sippe (und deren Inzuchtsproblematik) und die Einblicke in die adligen Herrscherfamilien unglaublich aufschlussreich gewesen. Der persönliche Blick auf die Erlebnisse machen es noch interessanter, wobei ich an manchen Stellen mit der Erzählperspektive gehadert habe. Alice berichtet hier in der Vergangenheitsform rückblickend auf ihr Leben. Dabei nimmt sie nicht nur ab und an recht flapsige Formulierungen in den Mund, die so gar nicht zu einer so stolzen Adligen passen wollen, sondern scheint auch manchmal einen allwissenden Blick auf ihre Mitmenschen zu haben und deren Emotionen zu kennen. Die Leser:innen werden mit Durchbrechen der vierten Wand mitunter direkt angesprochen. In der zweiten Hälfte des Romans passiert dann noch eine Wandlung mit Alice, von der ich mir nicht sicher bin, ob diese so tatsächlich passiert ist bzw. passiert sein kann, ob sie durch den Geisteszustand der Frau in ihr selbst auftauchte, oder ob dieses Detail von Irene Dische vollkommen frei erfunden ist.

    Ich muss zugeben, auch wenn ich mit dem Erzählstil durchaus gehadert habe, fand ich diese (fast) vergessene Lebensgeschichte von Alice von Battenberg wirklich unglaublich lesenswert und spannend. Mal wieder ein Werk, welches durch seine Schilderung von vergangenen psychiatrischen und psychotherapeutischen „Therapien“ an diesen zweifeln und nur den Kopf schütteln lassen. Auch die heutige Psychiatrie hat noch einiges vor sich und ist nicht lupenrein. Der Roman ruft ins Gedächtnis, dass immer die aktuelle Gegenwart von sich denkt, das Richtige für andere Menschen zu tun. Im Rückblick betrachtet aber durchaus falsch gelegen haben kann.

    Insgesamt eine kurze, knackige Lektüre, die zum Nachdenken anregt und nachhallt.

    3,5/5 Sterne
    Die Frau der Stunde

    Heike Specht
    Die Frau der Stunde (Buch)

    4 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern
    01.10.2025

    Alternative, feminine Historie

    Die Autorin und Historikerin Heike Specht hat sich in ihren vergangenen Werken immer wieder historischen Frauenfiguren gewidmet. Nun macht sie etwas sehr interessantes: Sie entwickelt eine alternative Historie, in der statt Helmut Schmidt und Hand-Dietrich Genscher Bundeskanzler und Außenminister/Vizekanzler sind, ein anderer fiktiver sozialdemokratischer Kanzler an der Macht und durch einen Eheskandal des auch männlichen Außenministers, der daraufhin zurücktreten muss, eine Frau ins Außenministerium einzieht. Etwas, was so nie geschehen ist. Diese Frau ist Catharina Cornelius und sie ist die Frau der Stunde, denn durch ihr Nachrücken wird die rot-gelbe-Regierungskoalition gerettet. Nur sehen nicht alle der alt eingesessenen Herren im Bundestag und den Ministerien sie als die Retterin, sondern vor allem wird sie fehl am Platz gesehen. Wir begleiten nun Catharina in diesem alternativen 1978 und 1979 und lernen dabei viel über Frauen in der Politik der damaligen Zeit, auch wenn sie nie, wie im Roman erfunden, schon Ende der Siebziger reale Machtpositionen inne hatten.

    Der alternativ-historische Roman von Specht konnte mich wirklich positiv überraschen. Bin ich zwar nicht von Politik aber vom allgemeinen Politikbetrieb heutzutage recht gelangweilt, kommt in Spechts Roman niemals Langeweile auf. Wir werden direkt an der Seite von Catharina in ihr neues Leben geworfen und lernen dabei auch noch viele andere Frauenfiguren kennen, die symbolisch für Frauen dieser Zeit stehen. So Suzanne, die als Journalistin arbeitet und eine für die Zeit moderne Ehe führt, in der ihr Ehemann, der Lehrer ist, zuhause sich um Haushalt und die drei Kinder kümmert. Ebenso Azadeh, eine iranische Dokumentarfilmerin, die zunächst von außen die Umwälzungen in ihrem Heimatland beobachtet, die kurz vor und nach der islamische Revolution das Land und die Menschen überrollen, und bald mit ins Geschehen gezogen wird. Aber auch ältere Frauen der Politik, seien sie früher in der Weimarer Republik für das Volk im Parlament eingetreten oder als fädenziehende Ehefrau an der Seite von politisch aktiven Ehemännern tätig. Und auch junge Frauen einer neuen Generation, die erstmals im Politikbetrieb Fuß fassen wollen. Diese vielen Figuren, die Catharina nicht allein im Zentrum des Romans stehen lassen, machen die Geschichte äußerst facettenreich. Gleichzeitig scheut sich Specht natürlich nicht, all die Hürden und Gefahren für Frauen in der Politik darzustellen. Dies ist keine „was-wäre-wenn“-Geschichte durch die rosarote Brille, sondern eine realistische Einschätzung, wie diese Konstellation mit einer Vizekanzlerin Ende der Siebziger Jahre hätte aussehen können.

    Heike Specht schreibt süffig und durch den Wechsel zwischen den verschiedenen Protagonistinnen in den Kapiteln bekommen wir einen weiten Blick auf das Personal. Für mich war es allerdings gerade zu Beginn schwer, mich in diese alternative Historie reinzudenken. Es wird mal in der Vergangenheitsform von Willi Brandt gesprochen und wir wissen dann, dass die historische Person gemeint ist. Aber bei den vielen Figuren rund um Catharina war mir manchmal nicht klar, ob diese wirklich existiert haben, nur zu unbekannt sind, um heutzutage noch Wiedererkennungswert zu haben bzw. ob es sich um einen Schlüsselroman handelt, der hinter den fiktiven Namen Anspielungen auf reale Personen in sich trägt. Dafür kenne ich mich leider nicht gut genug in der jüngeren Geschichte der Bundesrepublik aus. Mit der Zeit habe ich diese Fragezeichen in meinem Kopf allerdings ablegen und mich auf den Plot an sich konzentrieren können.

    So, wie der Roman endet, vermute ich stark, dass es sich um den Beginn einer Buchreihe handelt. Normalerweise lese ich nicht gern Reihen, muss allerdings zugeben, dass mich Specht mit ihrer Idee und ihrem Schreibstil fesseln konnte. Sollte also Catharinas Geschichte weitergehen, bin ich dabei.

    4/5 Sterne
    Monstergott

    Caroline Schmitt
    Monstergott (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    11.09.2025

    Hippe Freikirche - veraltete Probleme

    Die Geschwister Esther und Ben wachsen (in Deutschland!) in einer evangelikalen Freikirche auf, die mit hippen Social Media-Beiträgen punktet, Gottesdienste mit vielen groovigen Songs untermalt und in der die Menschen Jesus scheinbar so nahe kommen, dass sie sogar ekstatisch in Zungen sprechen. Das wäre ja alles schön und gut, wenn nicht dieselbe hippe Kirchengemeinde in tradierten Vorstellungen zu Geschlechterrollen und sexueller Orientierung feststecken würde. Esther möchte in der Gemeinde mehr Aufgaben übernehmen, darf aber nicht, weil sie nun einmal eine Frau ist, und Ben hat sexuelle Bedürfnisse, die in der Gemeinde einfach nicht existieren dürfen.

    Ich sage gleich vorweg, was dieses Buch glücklicherweise nicht macht: Es führt uns nicht ein zackiges, weltliches Erweckungserlebnis vor, durch welches sich unsere beiden Hauptprotagonist:innen, denen wir in stets wechselnden Kapiteln auf ihrem Weg begleiten, einfach mal eben so von ihrer Kirche und ihrem Glauben abwenden, weil das ja alles sowieso Blödsinn und nicht mehr modern ist. Nein, wir verfolgen in diesem zweiten Roman von Caroline Schmitt, die bereits mit ihrem Debüt „Liebewesen“ ein hervorragendes literarisches Werk vorgelegt hat, zwei Personen, die zunächst einmal ganz stark mit sich selbst hadern. Mit ihrer Identität und ihren Wünschen. Denn wenn das eigene Koordinatensystem schon in der Kindheit festgezurrt wurde und sich fast alle sozialen Kontakte auf eine eingeschworene Gemeinde begrenzen, fragt man sich doch automatisch erst einmal, was mit einem selbst denn falsch läuft. Gerade Ben, der nie etwas anderes gelernt hat, als dass jegliche von der heterosexuellen Norm abweichende Tendenzen des Teufels Werk sind, kommt mit sich selbst und seinem Leben immer weniger klar. Bereits in der Eingangsszene erleben wir etwas, was unzählige Male pro Tag Menschen in gewissen Glaubensgemeinschaften angetan wird, die nicht dieser Norm entsprechen: Eine Dämonenaustreibung. Es sollte bekannt sein, dass bei solche bestialischen Praktiken bereits Menschen ums Leben gekommen sind für den Glauben.

    In klarer, ungeschönter Sprache lässt und Schmitt mit dem Geschwisterpaar fiebern. Bei Ben sogar im wahrsten Sinne des Wortes. Sie legt zunächst einmal offen, dass es diese Freikirchen, die ich ehrlich gesagt bisher nur aus englischsprachigen Ländern kannte, auch in Deutschland gibt und dass diese Kirchen durch ihre Soziale-Medien-wirksame Inszenierung an Popularität gewinnen. Zum anderen zeigt Schmitt, wie stark hier ein Geschäft mit Ängsten und Hoffnung gemacht wird, wie Glauben kommerzialisiert wird und mit wie viel Unkenntnis und Naivität die Bibel wörtlich genommen wird, ohne Kritik zuzulassen. Auf den nur 260 Seiten destilliert die Autorin eine spannende und lehrreiche Geschichte zusammen, die die Augen öffnet für eine Parallelgesellschaft, die sich bisher vollkommen aus dem modernen, gesellschaftlichen Diskurs herausnimmt und im Gegenteil immer radikaler zu werden scheint.

    Ich bin absolut begeistert. Was Caroline Schmitt bei mir mit ihrem Debüt bereits begonnen hat, führt sie nun weiter: Leserinnenbindung! ;) Ich würde ungesehen jeden folgenden Roman von ihr lesen wollen und bin gespannt darauf, welchem Thema sie sich als nächstes annimmt.

    4,5/5 Sterne
    Haus zur Sonne

    Thomas Melle
    Haus zur Sonne (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    10.09.2025

    Von der Selbstabschaffung

    Thomas Melle greift in seinem aktuellen Werk erneut sein Lebens- und Leidensthema auf: Das Leben – bzw. in diesem Fall das Sterben – mit bipolarer Störung. Beginnt der Roman noch mit sicherlich vielen autobiografischen Anteilen, wenn es um das erneute Aufflammen von Manie und darauffolgender Depression nach einer langen Lebensphase eines scheinbar „normalen“, scheinbar neurotypischen Autoren geht, der zuletzt ein hoch gelobtes Werk über seine bipolare Störung geschrieben hat und nun, vier Jahre nach den ersten manischen Symptomen der aktuellen Episode am absoluten Ende steht. Nicht nur psychisch am Ende, sondern auch finanziell, sozial, gesellschaftlich. Mit der Erkenntnis, dass diese Erkrankung wirklich und unumkehrbar chronisch ist und ihn bis ans Ende seines Lebens nicht nur begleiten sondern auch immer wieder zerstören wird, entschließt er sich (erneut) zu Sterben. Selbstmordversuche gab es in der Vergangenheit bereits, doch nun entdeckt er im Wartezimmer des Arbeitsamtes einen Flyer für das „Haus zur Sonne“, welches ein „Pilotprojekt zur Lebensverbesserung, Traumverwirklichung, Selbstabschaffung“ verspricht. Er bewirbt sich und darf in diese Klinik der etwas anderen Art einziehen. Aber nur, bis zu seinem assistierten Suizid.

    Der Autor stellt in seinem Roman authentisch und glaubhaft dar, wie stark die Erkrankung der bipolaren Störung an einem Menschen zehren kann bis zu dem Punkt der absoluten Verzweiflung, dass ein Suizid als einziger Ausweg erscheint. Und er straft die neurotypischen Menschen Lügen, die selbstbewusst und lebensfroh an der Behauptung festhalten, der oder die Betroffene müsse nur noch mehr Therapien, Medikationen, Lebensveränderungen durchführen, sodass es sich doch immer lohne weiterzuleben. Nein, in manchen Fällen fällt die Bilanz stets negativ aus und hier muss offen darüber gesprochen werden, ob diesen Menschen nicht ein würdevoller Abgang ermöglicht werden sollte. Das „Haus zur Sonne“ bietet hier nun den fiktionalen Anteil des Werkes von Melle. Denn hier sind sogenannte „Simulationen“ möglich. Diese gelingen durch eine (bisher noch nicht existierende) Technik, die absolute Immersion ermöglicht und die Klienten der Klinik alle nur vorstellbaren Situationen mit allen Sinnen und Emotionen durchspielen lassen kann. Am Ende steht aber für jede:n Teilnehmer:in der Tod.

    Melle legt vollkommen unverblümt das Abwägen zwischen Leben und selbstgewähltem Tod offen. Er verwirklicht etwas, was der Ich-Erzähler im Roman wie folgt zusammenfasst:

    „Die, die da draußen erzählen und veröffentlichen, sind eh die Überlebenden. Sie waren stark genug. Wo sind all die anderen, die nicht erzählen konnten, die untergingen? Und wie wäre es also mit einer Geschichte, in der keiner gerettet würde? Die eben nicht von einer Rettung handelte, sondern im Gegenteil von einem langsamen Untergang eines Unrettbaren oder vieler Unrettbarer? Die vielleicht nicht einmal eine Botschaft mit sich brächte? Und die dennoch aus ihrer Warte erzählt wäre, nicht auktorial, nicht von einem Checkerautor zusammengehalten, der am Ende meist doch gar nicht weiß, was es heißt, wirklich unrettbar verloren zu sein?“

    Nach dieser Passage sollte sich jede und jeder ein eigenes Bild davon machen, ob er oder sie diesem Buch gewachsen ist. Eins ist klar: Man wächst mit dem Buch, egal von welcher Warte aus man das Lesen beginnt!

    Dass dieses Buch sich alle Zeit der Welt nimmt, um in Ruhe die Argumente für und wider des assistierten Suizids am Beispiel dieses geplagten Autors herauszuschälen und genau das einlöst, was in dem Zitat oben auf der Metaebene den Lesenden vermittelt wird, macht für mich den Roman, neben seinen sprachlichen Stärken und seiner Authentizität, zu einem sehr wichtigen und vor allem lesenswerten Werk. Es geht um „einen andere, einen menschenfreundlicheren, würdigeren Umgang und Zugang“ mit und zum Thema. Vor allem macht der Roman eins deutlich: Bei einem Menschen, der seit Jahren Selbstmordgedanken hat, geht es nie um eine sogenannte „Kurzschlussreaktion“, die einfach verhindert werden könnte. Es ist ein langwieriger, kräftezehrender Prozess bis dies als der einzige Ausweg erscheint. So muss man sich auch zeitweise durch diesen Roman kräftezehrend hindurchkämpfen. Aber genau das ist meiner Vermutung nach auch so gewollt, um klarzumachen: Nehmt die Gedanken von jemandem, der diese Gedanken hat, niemals auf die leichte Schulter, denkt niemals, es wäre einfach an diesen Punkt zu kommen geschweige denn einfach wieder von diesem Punkt wegzukommen.

    Eine klare Leseempfehlung von meiner Seite für diese Mischung aus autobiografischem Roman und Fiktion, um ein Thema im wahrsten Sinne des Worte zu Ende zu denken.

    4,5/5 Sterne
    Botanik des Wahnsinns

    Leon Engler
    Botanik des Wahnsinns (Buch)

    3 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern Inaktiver Stern
    31.08.2025

    Hypnotisches Cover, wenig einnehmender Roman

    Während das coole Cover zum Buch „Botanik des Wahnsinns“ hypnotisch wirkt, ist die Hypnotherapie eins der wenigen therapeutischen Verfahren, welches nicht in diesem Roman erwähnt wird. Denn Leon Engler entwirft einen Erzähler, der eine psychopathologische Familienanamnese seiner eigenen Familie niederschreibt und nebenbei auch seinen eigenen, verworrenen, wenn auch nicht verrückten Weg im jungen Erwachsenenalter zeichnet.

    Der Erzähler Leon hat eine scheinbar ähnliche Biografie wie der Autor Leon. Was an diesem Roman frei erfunden und was autobiografisch ist, bleibt offen, und das ist auch gut so. Die Familie des Erzählers Leon ist jedenfalls bis in mehrere Generationen von psychischen Erkrankungen geplagt. Schon Urgroßeltern haben Probleme, die diagnostisch relevant erscheinen. Leon, der nach viel Orientierungslosigkeit selbst Psychologie studiert hat, arbeitet nun in einer Psychiatrie und soll zu Übungszwecken seinen eigenen Anamnesebogen ausfüllen. Beim Punkt „Familie“ wird es schwierig. Wie weit soll er zurückgehen? Reicht die reine Aufzählung von Diagnosen schon aus, um zu erfassen, wie die Familie sowohl väterlicher- als auch mütterlicherseits von diesen Erkrankungen geprägt ist?

    In wechselnden Kapiteln folgen wir nun zum einen Leon selbst und auf seinem Weg durch die Welt als junger Erwachsener, erfahren in Rückblicken auch immer wieder etwas aus seiner Kindheit und Jugend. Auf der anderen Seite vermittelt uns Leon bis in früheste Generationen hinein ein Bild von den verschiedenen Familienmitgliedern, die von psychischen Erkrankungen geplagt waren bzw. noch sind. Er selbst kämpft ständig mit der Angst, die Anlagen für eine oder mehrere psychische Erkrankungen in sich zu tragen und somit unausweichlich „verrückt zu werden“.

    Engler hat gute Ideen für seinen Roman. Der Aufbau, die Herangehensweise an eine psychopathologische Familiengeschichte, der durchblitzende Humor bezogen auf das Studium der Psychologie, die fachlichen Einwürfe zu verschiedenen Erkrankungen und ihre Behandlungsformen, das Einweben von literarischen und philosophischen Überlegungen zu psychischer Krankheit. All das klingt eigentlich nach genau einem Buch für mich. Aber leider konnte er mir zwar den ein oder anderen Lacher entlocken, mich aber nicht mit seinem reduzierten Schreibstil für sein Buch begeistern. Der ständige Wechsel zwischen verschiedenen Generationen, Familienseiten und Personen mit ihren Krankheitsgeschichten machte es schwer, zu folgen und die Personen auseinanderzuhalten oder einzuschätzen, in welcher Zeitebene das Erzählte jetzt gerade stattfindet.

    Es steht fest, dass Leon Engler hier sehr viel Recherche in seinen Roman gesteckt hat und dass er durchaus gut schreiben kann, nur vom Hocker hat mich das Endresultat nicht hauen können. Trotzdem habe ich das Buch durchaus gern und kurzweilig gelesen.

    3,5/5 Sterne

    Dr. No

    Percival Everett
    Dr. No (Buch)

    4 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern
    26.08.2025

    Ein „Sandwichwerk“

    „Verdammt, ich verstehe es zwar nicht, aber ich finde es toll.“

    Das oben stehende Zitat findet sich im Roman und beschreibt, wie eine Figur absolut nichts mit dem Konstrukt von nichts anfangen kann, aber die Auswirkungen von nichts toll findet. Alles verstanden? Nein? Das ist nicht schlimm. Dieser Roman ist absurd und abstrakt, darauf muss man sich einlassen können.

    Percival Everetts Roman „Dr. No“, welcher im englischsprachigen Original bereits 2022 zwischen den großartigen Werken „The Trees“ („Die Bäume“) und „James“ erschien. Wir in Deutschland bekommen den Roman also zeitversetzt und nach „James“ zu lesen. Im Vergleich zu den beiden genannten Werken wirkt „Dr. No“ allerdings wie das berüchtigte, mittlere, problembehaftete „Sandwichkind“ aka „Sandwichwerk“. Und handelten die beiden anderen von so vielen Dingen, handelt „Dr. No“ von nichts. Im wahrsten Sinne des Wortes. Denn der autistische Mathematikprofessor Wala Kitu (was „nichts nichts“ bedeutet) ist Spezialist für genau das: Nichts. Nun will der Schurke John Sill das Wissen von Wala nutzen, um den USA nichts anzutun, denn dies sei der mächtigste Weg als Schurke zu agieren, den es für ihn gibt. Reich ist er schon. Macht hat er dadurch auch schon. Was will er mehr? Rache! Und so entspinnt sich eine James-Bond-Parodie, die stark beginnt aber meines Erachtens eher schwach endet.

    Vor allem aufgrund seiner Experimentierfreudigkeit als auch bösem Humor und absoluter Sprachvirtuosität ist Percival Everett einer meiner bevorzugten Autoren. Aber diese Experimentierfreudigkeit kann auch dazu führen, dass ein Buch nicht so wirklich funktioniert. Und leider ist dies hier geschehen. Die ersten Kapitel des Romans waren wirklich großartig und ich dachte, ein 5-Sterne-Buch vor mir zu haben. Wala ist unser Ich-Erzähler und er ist Autist. Die Gedanken und Dialoge dieses Menschen hat der Autor absolut authentisch erschaffen können. Eigentlich noch nie habe ich mich so wohlgefühlt mit einem Ich-Erzähler. Gerade in der ersten Hälfte des Romans besticht Everett damit, Wala mathematikphilosophische Monologe vom Feinsten zu entwerfen. Auch der bereits von ihm bekannte Humor findet Einzug in diesen Roman und ich musste so oft laut auflachen ob des trockenen Humors als auch der schieren Verrücktheit . Grandios. Aber eben hauptsächlich in der ersten Hälfte grandios.

    Aber etwa zur Hälfte begann das Buch zu schwächeln. Alle lohnenswerten Witze waren gemacht, die philosophischen Elemente ausgeschöpft, die Bond-Parodie hatte ihren Lauf genommen. Der Rest des Buches wirkte wie eine uninspirierte Abarbeitung des Spoinageplots. Es gab noch ein paar andere Kleinigkeiten – Nebenhandlungen, die zu nichts führten, merkwürdige Charaktere, die spät in der Geschichte eingeführt wurden und keinen Zweck erfüllten –, die mir das Gefühl gaben, dass das Buch eine sorgfältigere Überarbeitung hätte gebrauchen können.

    Ich würde den Roman dennoch wegen der cleveren Wortspiele und der unglaublich authentischen Erzählstimme des autistischen Protagonisten empfehlen und runde mit sehr viel Wohlwollen auf 4 Sterne auf. Aber Everett hat eindeutig schon Besseres geleistet. Ich hoffe somit, dass dieses Werk eher ein „Ausrutscher“ zwischen zwei großartigen Werken war und wir als nächstes wieder die bekannte Klasse von Everett erleben können.

    3,5/5 Sterne
    1 bis 25 von 134 Rezensionen
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