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    Bücherfreundin

    Aktiv seit: 04. September 2021
    "Hilfreich"-Bewertungen: 69

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    375 Rezensionen

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    Die zweitgrößte Liebe

    Ruth-Maria Thomas
    Die zweitgrößte Liebe (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    09.10.2026

    Mitreißendes Beziehungsdrama

    Nach ihrem erfolgreichen Debütroman "Die schönste Version" aus dem Jahr 2024, der im gleichen Jahr für den Deutschen Buchpreis nominiert war, hat Ruth-Maria Thomas nun "Die zweitgrößte Liebe" veröffentlicht.

    Die 30-jährige Michelle hat ihre Heimat, eine Kleinstadt in der Lausitz, verlassen, nachdem sie coronabedingt ihren kleinen Schmuckladen schließen musste. Mit ihrer Vespa ist sie nach Hamburg geflohen und in ein kleines möbliertes Zimmer gezogen. Sie arbeitet in einem Luxushotel zunächst im Restaurant, später an der Rezeption. Das Geld ist knapp, sie zahlt ihre Schulden in Raten zurück und ernährt sich von Essensresten aus dem Hotel, um Geld zu sparen. Vor der Hotelbar lernt sie den zwei Jahre jüngeren Henry kennen. Als Sohn einer begüterten Juristenfamilie hatte er nie Geldsorgen, konnte studieren und arbeitet als Vermögensverwalter. Die beiden, die am gleichen Tag Geburtstag haben, verlieben sich trotz aller Gegensätze ineinander, und auf Henrys Drängen hin zieht Michelle zu ihm in seine luxuriöse Eigentumswohnung.

    Die Geschichte ist in schöner Sprache ruhig erzählt und liest sich sehr flüssig. Wir lernen mit Michelle und Henry zwei Menschen aus unterschiedlichen Schichten kennen. Während die junge Frau geprägt ist von ihrem Aufwachsen in ärmlichen Verhältnissen, dem frühen Tod ihrer Mutter und dem Verlust ihrer beruflichen Selbständigkeit, ist Henry zwar in gesicherten Verhältnissen groß geworden, litt aber als Kind unter der häufigen Abwesenheit seiner berufstätigen Eltern.

    Das Buch widmet sich der Frage, wie sich gesellschaftliche und finanzielle Unterschiede auf eine Beziehung auswirken können. Auf Michelles Seite geht es um das Bedürfnis nach finanzieller Sicherheit, das Gefühl von Abhängigkeit und die Angst vor dem sozialen Abstieg, während Henry sich nach beständiger Liebe sehnt.

    Ruth-Maria Thomas ist es gelungen, ihre Figuren mit sehr viel Empathie und Authentizität zu zeichnen und lässt uns tief in ihre Gefühls- und Gedankenwelt blicken. Ich mochte Michelle, obwohl es ihr an Unrechtsbewusstsein mangelt und ich ihre Handlungsweisen nicht immer nachvollziehen konnte. Ihre innere Zerrissenheit ist glaubhaft und sehr berührend dargestellt. Ich mochte auch den liebevollen Henry, dessen Hoffnung es ist, Michelle für sich zu gewinnen, indem er ihr ein angenehmes Leben in finanzieller Sicherheit bietet. Sehr sympathisch war mir auch Henrys Familie, die Michelle mit offenen Armen und großer Herzlichkeit begegnet.

    Ich habe den Roman über zwei Menschen aus vollkommen unterschiedlichen Lebenswelten sehr gern gelesen, er kommt ganz ohne Kitsch aus und hat mich von Beginn an bis zum für mich stimmigen Ende in seinen Bann gezogen. Das einzige, was mich an dem Buch gestört hat, war die stellenweise recht vulgäre Sprache, auf die ich gern verzichtet hätte.

    Trotz meines Kritikpunktes empfehle ich dieses großartige Buch gern weiter!
    Schwestern. Trotz allem

    Max Moor
    Schwestern. Trotz allem (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    08.10.2026

    Bewegender und mitreißender Debütroman

    Der Schweizer Autor, Schauspieler und Fernsehmoderator Max Moor hat mit "Schwestern. Trotz allem" einen außergewöhnlichen Roman geschrieben, der sich an die Lebensgeschichte seiner Schwiegermutter anlehnt. 

    Im Mittelpunkt der Geschichte, die in Österreich spielt, steht Gerti, die mit ihren Eltern Johann und Johanna sowie den Schwestern Rudi und Hansi auf einem Gutshof lebt. Als der Vater im Frühjahr 1945 nach einer Dienstreise nicht zurückkehrt und die Mutter stirbt, bringt der Großvater die Kinder in das Haus seiner verwitweten Tochter Hedwig. Diese lehnt es ab, die Kinder auf Dauer zu beherbergen. Gerti als die Älteste darf bleiben, während Rudi und Hansi in einem Kinderheim abgegeben und zur Adoption freigegeben werden. Als Gerti erwachsen ist, verliebt sie sich in den verheirateten Bauleiter Albert. Aus der Beziehung gehen zwei Kinder hervor, die Gerti allein großzieht, da Albert immer wieder längere Zeit im Ausland arbeitet. 

    Die Handlung erstreckt sich über einen Zeitraum von fast 30 Jahren, Prolog und Epilog führen uns in die Jahre 2015 und 2016. Die Geschichte wird aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt. Wir begleiten Gerti ab ihrem 11. Lebensjahr, erleben ihr Aufwachsen bei den Großeltern und die Höhen und Tiefen ihrer Beziehung zu Albert. Wir lernen auch Rudi und Hansi kennen, parallel erfahren wir Alberts Lebensgeschichte aus zahlreichen Briefen.

    Die schöne Sprache und der ruhige Erzählstil des Autors haben mich begeistert. Das Buch liest sich sehr flüssig und fesselte mich von der ersten Seite an. Es hat mir viel Lesefreude bereitet, die Lebenswege der sehr authentisch gezeichneten Protagonisten zu verfolgen. Meine Lieblingsfigur war die mutige Gerti, die nachts in einer Fabrik arbeitet, um tagsüber für ihre Kinder da zu sein. Als Alleinerziehende wird es ihr nicht leicht gemacht, sie lebt in der ständigen Angst, dass die Behörden ihr das Sorgerecht entziehen könnten.

    Sehr berührend und interessant fand ich Alberts Lebensgeschichte, die er als Briefe niederschreibt. Diese Briefe, die er nie abschickt, richtet er an den Pfarrer, der ihn während seiner Inhaftierung in Italien davon abhielt, sich das Leben zu nehmen.
    Rudis Schicksal hat mich sehr erschüttert. Die durch die Nonnen im Heim erlittenen Schikanen, Misshandlungen und Demütigungen hinterlassen Spuren und prägen ihr Leben als Erwachsene. 

    In Max Moors mitreißender Geschichte, die auch den damaligen Zeitgeist hervorragend einfängt, geht es um Liebe, Familie und Schwesternschaft, um Verlust, Schuld und Versprechen. Das Buch hat mich gefesselt, es hat mich zutiefst berührt und ist mir unter die Haut gegangen.

    Absolute Leseempfehlung für diesen großartigen Debütroman!
    Ich bin deine Tochter, nicht deine Ehre

    Rey Mani
    Ich bin deine Tochter, nicht deine Ehre (Buch)

    3 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern Inaktiver Stern
    28.09.2026

    Erschütternde Biografie

    In ihrer Autobiografie "Ich bin deine Tochter, nicht deine Ehre" erzählt die 29-jährige Rey Mani. die durch Plattformen wie TikTok und Instagram bekannt geworden ist, nicht nur über ihr Aufwachsen in einer toxischen und streng religiösen Familie, sondern auch über ihren langen Weg in ein selbstbestimmtes Leben.

    Rey ist 3 Jahre alt, als ihr Vater sich aus familiären Gründen entschließt, mit seiner Frau, Rey und ihren beiden Brüdern den Irak zu verlassen. Zwei Jahre später kommt die Familie über Jordanien, Malta und Frankreich in Deutschland an und wird in Nordrhein-Westfalen in einer Unterkunft für Geflüchtete untergebracht. Als die Mutter mit Drillingen schwanger ist, erhält die Familie eine Aufenthaltsgenehmigung und kann in eine Wohnung umziehen.

    Mit großer Offenheit erzählt die Autorin vom Aufwachsen in ihrer streng religiösen Familie, von einer Kindheit und Jugend, die geprägt ist von physischer und psychischer Gewalt. Verbote und Vorschriften bestimmen ihren Alltag. Rey quält sich mit Selbstzweifeln und Selbsthass, leidet unter Panikattacken und einer Essstörung. Sie erlebt Feindseligkeit und Missbrauch, später hat sie ein Alkoholproblem. Ihre Mutter macht keinen Hehl daraus, dass sie ihre Söhne mehr liebt als sie. Sie schlägt ihre Tochter, demütigt sie und setzt sie ständig unter Druck. In der Schule findet Rey kein Freundinnen, fühlt sich selbst von den Lehrern ausgegrenzt. Sie heiratet früh und kann sich selbst als junge Mutter und Ehefrau dem Einfluss ihrer Mutter nicht entziehen.

    Es fiel mir schwer, Reys Geschichte zu lesen, sie hat mich betroffen gemacht und ging mir unter die Haut. Statt glücklich und in Geborgenheit aufzuwachsen, erlebt Rey Demütigungen und Ablehnung. Es gab viele Situationen, in denen ich das kleine Mädchen gern in den Arm genommen und getröstet hätte.

    Das Buch ist in klarer Sprache geschrieben und liest sich sehr flüssig. Ich fand es etwas befremdlich, dass die Autorin ihre Eltern als Vatern und Muttern bezeichnet und ihre älteren Brüder als Bruder 1 und Bruder 2. Rey Mani verwendet einen Künstlernamen, um sich und ihre Kinder zu schützen. Es hätte mir besser gefallen, wenn sie auch den Brüdern Namen gegeben hätte.

    Die direkte Ansprache der Autorin an mich als Leserin hat mich sehr gestört.
    Sätze wie "Kennen Sie Muttern bereits gut genug, um einzuschätzen, wie sie reagiert haben könnte? Warten Sie, ich möchte Sie nicht überfordern, ich gebe Ihnen hier zwei Optionen an die Hand." oder "Betrachten wir mein bisheriges Leben doch mal wie ein Gemälde. Kommen Sie, das wird spannend!" oder "Harter Tobak, liebe Leser:innen. Oder etwa nicht?" haben mich sehr schnell genervt und mir das Lesen etwas verleidet.

    Es hat mir gut gefallen, dass Rey Mani auch mit großer Offenheit und selbstkritisch ihre Zeit als Erwachsene reflektiert und dabei auf sehr persönliche Themen, Konflikte und Fehler eingeht.

    An dieser Stelle möchte ich noch auf ein längeres YouTube-Video hinweisen, in dem ein interessantes Interview mit der sympathischen Autorin zu sehen ist. Sie erzählt darin über das Aufwachsen in einer Sekte und findet nicht nur negative Worte über ihre Mutter. So erwähnt sie u.a., dass sie kein vernachlässigtes Kind war, ihre Mutter jeden Tag für sie kochte und ihr Zimmer aufräumte.

    Trotz meiner Kritikpunkte fand ich das Buch fesselnd und habe den Mut der Autorin bewundert, ihre Geschichte zu erzählen. Ich kann mir vorstellen, dass sie damit Menschen in ähnlichen Situationen helfen kann, sich von ihren familiären und religiösen Zwängen zu befreien.
    Querfeldein

    Alex Capus
    Querfeldein (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    23.09.2026

    Unterhaltsame Lektüre

    In seinem aktuellen Roman "Querfeldein" erzählt der Schweizer Schriftsteller Alex Capus eine Geschichte, die vor mehr als hundert Jahren im kleinen Schweizer Bauerndorf Ramsen spielt, im Kanton Schaffhausen, nah der deutschen Grenze.

    Arnold ist noch keine dreißig, als er seine Schenke "Zur Moskau" eröffnet. Das Geld für den Bau hat er sich verdient, indem er seit seinem 15. Lebensjahr jahrelang als Hilfsarbeiter tätig war. So eignete er sich unterschiedliche Kenntnisse an, die für den Bau des Gasthofs nützlich waren. In einem Spielcasino gewinnt er fast 500.000 Mark und ist mit 27 Jahren ein reicher Mann. Die Eröffnung des Gasthofs wird ein Großereignis für das ganze Dorf, und fortan ist dort immer viel Betrieb, auch für Schmuggler, Hehler und Schlepper wird er zum Stammlokal.

    Im Januar 1902 taucht eine Frau auf einem Brabanter auf, hinter sich einige Fohlen, die sie auf dem Viehmarkt verkaufen möchte. Sie heißt Betty und kehrt bei Arnold ein. Die beiden werden ein Paar, nach 4 Monaten folgt die Hochzeit, bald schon wird die kleine Clara geboren. Es folgen sieben weitere Kinder, zwei davon sterben früh. Bis auf Clara verlassen die übrigen Kinder früh das Elternhaus. Das Leben der Familie ändert sich, als Clara sich in den Schmuggler Hermann verliebt, der sich auf der Flucht vor den Nationalsozialisten befindet.

    In gewohnt lebendiger Sprache und mit feinem Humor erzählt der Autor Arnolds Lebensgeschichte über einen Zeitraum von etwa 30 Jahren. Die teilweise recht eigenwilligen Charaktere sind hervorragend skizziert.
    Meine Lieblingsfigur ist der sympathische und patente Arnold, der ein großes Herz hat und seiner Frau ihre Eskapaden verzeiht. Betty ist eine sehr selbstbewusste Frau, die ihren Weg geht und dabei ihren Sehnsüchten folgt. Ein sehr spezieller Charakter ist die beherzte Clara, die wie ihre Mutter über einen großen Freiheitsdrang verfügt. Auch Hermann ist sehr gut gezeichnet, mit seiner freundlichen und zupackenden Art gewinnt er Claras Herz, auch ihre Eltern schätzen den jungen Mann.  

    Der erste Teil des Buches fesselte mich, im zweiten Teil wurde es dann richtig spannend. Dieser Teil basiert auf der wahren Geschichte des 24-jährigen arbeitslosen Hermann Weber, der im Sommer 1933 Zucker, Kaffee und kommunistische Propagandaschriften über die deutsch-schweizerische Grenze schmuggelte. Seine Entführung durch die Nationalsozialisten löste heftige Proteste der Schweiz gegen das Deutsche Reich aus.

    Alex Capus beherrscht die Kunst des Erzählens, und wie schon in "Königskinder" und in "Susanna" ist es ihm wieder einmal hervorragend gelungen, historische Fakten und Fiktion zu einer spannenden Geschichte zu verbinden. Ich habe "Querfeldein" sehr gern gelesen und mich bestens unterhalten gefühlt.

    Absolute Leseempfehlung!
    Ein ganz normales Wunder

    Woody Brown
    Ein ganz normales Wunder (Buch)

    4 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern
    22.09.2026

    Beeindruckender Debütroman

    Woody Browns Debütroman "Ein ganz normales Wunder" ist inspiriert von seinen eigenen Erfahrungen. Der 29-jährige US-Amerikaner ist der erste nicht-sprechende autistische Absolvent der University of California, wo er zudem mit Summa cum laude für sein Schreiben ausgezeichnet wurde. Seinen Master of Fine Arts im Bereich Creative Writing schloss er 2024 an der renommierten Columbia University ab.

    Im Mittelpunkt der Geschichte steht der nicht-sprechende Autist Walter, der bereits mit 3 Jahren gelernt hat, mit Hilfe einer Buchstabentafel zu kommunizieren. Mit Unterstützung seiner Mutter, die sich dafür eingesetzt hat, dass Walter eine Schulausbildung erhält, gelingt es ihm, nach der Highschool und dem College ein Studium abzuschließen. Als sein Vater stirbt und seine Mutter sich eine Ganztagsstelle suchen muss, kann Walter nicht allein zuhause bleiben und wird fortan gemeinsam mit weiteren jungen Erwachsenen mit Autismus und anderen Behinderungen in der Tagesstätte Upward Bound betreut.

    Der Autor beschreibt in seinem Buch in einzelnen nicht chronologischen und teilweise miteinander verwobenen Episoden den Alltag in der Tagesstätte mit all seinen Schwierigkeiten und Herausforderungen. Neben Walter lernen wir weitere Schützlinge kennen, wie den Ausreißer Jorge, der sich gern versteckt, und Emma, die Walter seit seinem sechsten Lebensjahr kennt. Tom sitzt wegen einer Zerebralparese im Rollstuhl, er kann nicht kommunizieren und sieht aus wie ein Filmstar.
    Wir begegnen auch Dave, dem Leiter der Einrichtung. Er empfindet seinen Beruf als frustrierend, dennoch macht er als Verwaltungschef einen guten Job und ist ständig bemüht, Spenden zu generieren. Er ist weder Psychologe noch in Sonderpädagogik ausgebildet, es mangelt ihm an Empathie gegenüber den Schützlingen und seinem Personal. Sein zuverlässigster Mitarbeiter ist Carlos, dieser zeigt viel Feingefühl und kümmert sich besonders intensiv um Jorge. Die junge Psychologiestudentin Ann bringt für ein paar Monate frischen Wind in die Einrichtung. Sie zeigt ehrliches Interesse für die Insassen der Einrichtung und wächst an ihren Aufgaben.

    Ich mochte den hochintelligenten Walter, der einen scharfen Blick auf sein Umfeld hat. Seine Tage im Upward Bound bestehen vorwiegend aus Langeweile und Routinen, lediglich die Aufenthalte im Pool und regelmäßig stattfindende Ausflüge in ein Einkaufszentrum bieten eine willkommene Abwechslung. Der Abschnitt über Dave hat mir sehr gut gefallen, ich konnte seine Einsamkeit und die Trauer um eine verlorene Liebe gut nachempfinden. Toms Geschichte war herzzerreißend, und ich habe gehofft, dass Ann sein Blinzeln mit den Augen endlich richtig deutet. Ich mochte auch die allerdings etwas zu lang geratene Geschichte um die Target-Kassiererin Avery, die seit langem die Gruppe beobachtet und sich vorstellen kann, mit Behinderten zu arbeiten.

    Es hat mir sehr gut gefallen, dass jedes Kapitel aus der Perspektive der einzelnen Beteiligten geschrieben ist. Diese Erzählweise ermöglicht dem Leser, die Protagonisten und ihre Gefühls- und Gedankenwelt besonders intensiv kennenzulernen. Ich habe den Roman, der für die Aktion „Deutschland liest ein Buch“ ausgewählt wurde, sehr gern gelesen, er hat mich zutiefst bewegt und mir intensive Einblicke in eine Welt vermittelt, die den meisten Menschen unbekannt ist.

    Leseempfehlung für diesen beeindruckenden Roman!
    Und es wird trotzdem wieder Sommer werden

    Sebastian Becker
    Und es wird trotzdem wieder Sommer werden (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    20.09.2026

    Verlust und Trauer

    Der Instagram-Künstler Sebastian Becker, bekannt unter dem Namen Tschief, veröffentlicht seit 2012 kurze und poetische Texte in unverwechselbarer Handschrift im Internet. In seinem Buch "Und es wird trotzdem wieder Sommer werden" thematisiert er den Tod seines damals 57-jährigen Vaters und lässt uns teilhaben an seiner Trauer. Es ist ihm wichtig, dass sein Buch nicht als Trauerbuch verstanden wird, er möchte beschreiben, was ihm passiert ist und wie es sich angefühlt hat.

    Der Ich-Erzähler Sebastian ist 28 Jahre alt und befindet sich gerade bei seiner Mutter, als er erfährt, dass sein Vater beim Wandern so schwer gestürzt ist, dass er ins Krankenhaus transportiert werden musste. Wenige Stunden nach seiner Einlieferung verstirbt der Vater.

    Mit viel Empathie und großer Offenheit beschreibt der Autor die schwere Zeit nach dem Tod seines Vaters. Fast drei Monate bleibt er in dessen Haus und ist von vielen Menschen umgeben, die füreinander da sind, für die Mahlzeiten sorgen und sich um alles Notwendige kümmern. Er erinnert sich an seine letzte Begegnung mit dem Vater zwei Tage vor dessen Tod, an seine Kindheit und Jugend. Die Eltern trennen sich, als Sebastian noch ein kleiner Junge ist, später besucht er den Vater und dessen neue Familie an jedem zweiten Wochenende. Er denkt an eine gemeinsame Bergwanderung im Schnee, an eine Hotelübernachtung und an unzählige Gespräche. Als er sich dazu entschließt, sein Studium abzubrechen, ist der Vater für ihn da und nimmt sich viel Zeit, um mit ihm zu überlegen, wie es weitergehen kann.

    In teils sehr kurzen Abschnitten, die mit handgeschriebenen Texten und gezeichneten Sonnenblumen eingeleitet werden, hält der Autor seine persönlichen Erinnerungen und Gedanken fest. Dabei gewährt er uns tiefe Einblicke in seine Gefühls- und Gedankenwelt. Sehr gut gefallen hat mir die Beschreibung des Vater-Sohn-Verhältnisses anhand kleiner Episoden und Anekdoten. Obwohl Vater und Sohn in Liebe miteinander verbunden sind, lässt der fehlende Alltag sie einander fremd werden.

    "Und es wird trotzdem wieder Sommer werden" hat mich zutiefst berührt, da ich bereits mehrere Herzensmenschen verloren und mich in den Schilderungen über Schmerz, Trauer und Sehnsucht oft wiedergefunden habe. Das Buch ist kein Ratgeber, kann es nicht sein, denn jeder trauert anders. Es gibt Denkanstöße, vermittelt andere Sichtweisen, macht Mut und gibt Hoffnung. Voller Wärme erzählt der Autor von seinem Vater und der großen Sehnsucht nach ihm. Es geht in dem Buch nicht nur um die schmerzvolle Trauer, es geht auch um Sprachlosigkeit, Liebe und Dankbarkeit.

    Meine Lieblingsstelle im Buch ist diese Aussage des Autors: "Ich glaube, man darf nach dem Tod einer geliebten Person für immer traurig sein, aber nicht für immer unglücklich. Das Leben kehrt zurück - und mit ihm die Möglichkeit, zu blühen".

    Absolute Leseempfehlung!
    Tausche Büro gegen Boot

    Jens Brambusch
    Tausche Büro gegen Boot (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    16.09.2026

    Packende Geschichte eines Aussteigers

    Der Journalist Jens Brambusch ist 46 Jahre alt, als er im November 2017 auf dem Weg in die Redaktion der Wirtschaftszeitung Capital in Berlin an einer roten Ampel eine heftige Panikattacke erleidet. Seit zwei Jahren geht das schon so, aber so schlimm war es noch nie. Der Arzt, den er aufsucht, schreibt ihn krank und verordnet ihm Ruhe. Es geht ihm schlecht, er hat ein Burnout, Panikattacken und Angstzustände. Er erhofft sich Hilfe in einer Klinik, doch seine Krankenversicherung lehnt die Finanzierung einer stationären Behandlung ab. Als er den YouTube-Kanal von zwei Brüdern entdeckt, die seit neun Jahren um die Welt segeln, ist er fasziniert und träumt davon, sein stressiges Leben hinter sich zu lassen und auszusteigen. Das Segeln war immer Teil seines Lebens, bereits als Kind ist er mit den Eltern gesegelt, machte mit 16 Jahren den Segelschein. Er beschließt, seinen Traum vom Aussteigen zu verwirklichen, kündigt seinen Job, verkauft seine Wohnung und regelt seine Finanzen. Fortan wird er in der Türkei auf einem alten Segelboot leben.

    Auf 228 Seiten erzählt der Autor die packende Geschichte seines Lebens. Schon als Jugendlicher war er im Rudersport aktiv und trainierte hart. Während seines Studiums feierte er, trank und rauchte, arbeitete nebenher als freier Journalist - und kippte irgendwann um. Panikattacken folgten, die erst aufhörten, als er mit einem Wohnmobil durch Palästina, die Türkei, Syrien und Jordanien fuhr. Im Herbst 2018 lässt er seinen stressigen Journalistenalltag hinter sich, um in Kaş zu leben, dem für ihn seit Jahren schönsten Ort der Türkei.

    Das kurzweilige Buch ist in schöner Sprache mit viel Humor erzählt und liest sich sehr flüssig. Der Autor erzählt vom Kauf des 30 Jahre alten Segelboots Dilly-Dally, das sein neues Zuhause wird, nachdem er die erforderlichen Formalitäten erledigt und bürokratische Hürden gemeistert hat. Er listet auch die Fixkosten für sein neues Leben auf. Die Lebenshaltungskosten in der Türkei sind niedrig, Krankenversicherung und Altersvorsorge belasten das Budget jedoch sehr, und auch die Kosten, die im direkten Zusammenhang mit dem Boot stehen, sind nicht unerheblich.

    Jens Brambusch beschreibt nicht nur seinen Alltag an Bord, er erzählt auch von den Menschen in der Türkei, ihrer Gastfreundschaft und vom Zusammenhalt der Segler. Sein erstes Weihnachtsfest feiert er gemeinsam mit 15 Freunden in einer Bucht, ganz ohne Weihnachtsstress. Sehr interessant fand ich seinen Bericht über sein zweiwöchiges Praktikum in einer kleinen Werkstatt, die seine neuen Segel anfertigte. Er war dabei, als der Stoff zugeschnitten und die Nähte aufwendig mit einer eigens für diesen Zweck hergestellten Nähmaschine gefertigt wurden.

    Es geht in dem Buch neben dem Segeln auch um Bootspflege und Instandhaltung, um Schiffskatzen und Bordhunde sowie um Mythen und Aberglaube. So erfahren wir z.B., weshalb bei vielen Seglern Bananen an Bord verpönt sind. Der Autor verschweigt auch nicht den hohen Arbeitsaufwand, der mit der Haltung eines Bootes verbunden ist. Die Pandemie bringt über einen langen Zeitraum viele Einschränkungen, eine geplante Segeltour mit Freunden kann nicht stattfinden.

    Ich habe Jens Brambuschs fesselnde Geschichte sehr gern gelesen und mich bestens unterhalten gefühlt. Jedes der 23 Kapitel beginnt mit der Erklärung spezieller Begriffe aus der Welt des Segelns, in der Mitte des Buches befinden sich auf acht Seiten schöne Farbfotos. Im Epilog erfahren wir, wie es dem Autor heute geht, wie und wo er lebt und ob er sich seine Leidenschaft für das Segeln bewahren konnte.

    Absolute Leseempfehlung - nicht nur für Segelfreunde!
    Buckeye

    Patrick Ryan
    Buckeye (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    06.09.2026

    Mitreißende und bewegende Familiengeschichte

    Der aktuelle Roman "Buckeye" des amerikanischen Autors Patrick Ryan, der im September 2025 in den USA erschienen ist und dort auf Anhieb die Bestsellerlisten eroberte, liegt nun auch in deutscher Übersetzung vor. Im Mittelpunkt der 656 Seiten umfassenden Geschichte stehen zwei Paare, deren Leben auf besondere Weise miteinander verflochten sind. Ann Napolitano, Chris Whitaker und Tom Hanks haben sich sehr lobend über das Buch geäußert, meine Erwartungen waren dementsprechend hoch - und ich wurde nicht enttäuscht!

    Bonhomie in Ohio: Wir schreiben das Jahr 1945, als die attraktive Margaret Salt den Werkzeugladen von Cal Jenkins betritt und ihn fragt, ob er ein Radio besitzt. Die Nachricht vom Kriegsende versetzt sie in so große Freude, dass sie Cal spontan küsst. Dieser kurze Moment setzt eine Kette von Ereignissen in Gang, die zwei Familien für immer miteinander verbinden wird.

    Die Handlung springt 3 1/2 Jahre zurück, und wir lernen Cal kennen, der mit Becky verheiratet ist und im Werkzeugladen seines Schwiegervaters arbeitet. Er ist wegen eines von Geburt an verkürzten Beins kriegsuntauglich. Das Paar hat einen Sohn, den sie Skip nennen. Becky ist erfolgreich als Medium tätig und versucht in Séancen, für ihre verzweifelten und trauernden Klienten mit Verstorbenen in Kontakt zu treten. Dass sie ihre Fähigkeiten ohne Cals Wissen in einer Zeitung anbietet, führt zu einer Entfremdung des Ehepaars.

    In einem zweiten Erzählstrang treffen wir auf Margaret und Felix Salt. Margaret wurde als Baby von ihrer Mutter vor einem Waisenhaus abgelegt und lebt dort bis zu ihrem 18. Lebensjahr. Sie zieht nach Columbus, um dort in einem Café zu arbeiten. Bald lernt sie Felix kennen, der ihr nach drei Monaten einen Heiratsantrag macht. Er hat Betriebswirtschaft und Ingenieurswissenschaften studiert und ist für eine Firma tätig, die Aluminium produziert. Nach ihrer Hochzeit wird Felix befördert, und sie ziehen nach Bonhomie. Doch die junge Frau, die auf Wunsch ihres Mannes nicht mehr berufstätig ist, ist in ihrer neuen Umgebung nicht glücklich.

    Vor dem Hintergrund des Zweiten Weltkriegs und des Vietnamkriegs begleiten wir die beiden Familien über einen Zeitraum von vier Jahrzehnten, lernen ihre Lebensgeschichten kennen und erleben ihre Höhen und Tiefen. Es geht nicht nur um Liebe, Familie und Verlust, sondern auch um Eltern und ihre Kinder, Lügen und Schuld, um Freundschaft und Identität. Geheimnisse und verdrängte Neigungen werden offenbart, und es gibt schicksalhafte Wendungen.

    Das fesselnde Buch hat mich von Beginn an in seinen Bann gezogen und begeistert, ich konnte es kaum aus der Hand legen. Die Schicksale der Protagonisten haben mich erschüttert und zutiefst berührt. Ich mochte die klare Sprache des Autors, seinen Humor und den ruhigen Erzählstil. Der damalige Zeitgeist und der gesellschaftliche Wandel sind hervorragend beschrieben, ebenso die Auswirkungen der Kriege auf die amerikanische Bevölkerung. Auch die Charakterzeichnung ist Patrick Ryan perfekt gelungen, er skizziert seine Figuren so authentisch, dass ich sie mir gut vorstellen konnte. Meine Lieblingsfigur war Felix, dem es nicht gelingt, seine Kriegstraumata und den Verlust seiner großen Liebe zu verarbeiten. Ich mochte aber auch Tom, konnte seine Bitterkeit wegen Margarets Verhalten und seinen Zorn wegen Felix' Schweigens gut nachvollziehen. Auch das Schicksal von Cals Vater Everett, der seine Traumata aus dem Ersten Weltkrieg in Alkohol zu ertränken versucht, hat mich sehr berührt.

    Absolute Leseempfehlung für diesen meisterhaft geschriebenen Roman, in dem der Autor gekonnt die amerikanische Geschichte mit den Schicksalen zweier Familien verwebt und den ich mir auch sehr gut als Vorlage für eine bewegende Verfilmung vorstellen könnte!
    KUNTH Bildband Erlebnis Flusskreuzfahrt

    Katinka Holupirek
    KUNTH Bildband Erlebnis Flusskreuzfahrt (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    03.09.2026

    Inspirierendes Buch mit wunderbaren Fotos

    Das Interesse an entspannten Reisen auf hoher See und Flüssen ist groß, immer mehr Urlauber buchen Flusskreuzfahrten und genießen die zahlreichen Vorteile dieser Urlaubsform. Auf dem Hotelschiff geht es ruhig und gemütlich zu, niemand wird seekrank, der Blick auf die schönen Flusslandschaften ist Balsam für die Seele. Obwohl der Standort ständig wechselt, entfällt das lästige Kofferpacken, nach einem gemütlichen Frühstück startet man zu seinem Tagesausflug und besucht historische Orte und die interessantesten Sehenswürdigkeiten entlang der Route.

    In seinem aktuellen Bildband "Erlebnis Flusskreuzfahrt: Reisen auf den schönsten Wasserwegen Europas" stellt der renommierte Kunth Verlag auf 288 Seiten die schönsten und beliebtesten Flusskreuzfahrten unseres Kontinents vor. Die ersten beiden Seiten der 28 Kapitel beschreiben die einzelnen Schifffahrtsrouten und nennen ihre Länge, die Reisezeit und Reisedauer. Auf den Folgeseiten finden wir Beschreibungen und einzigartige Farbfotos der schönsten Küstenorte entlang der europäischen Flüsse, Kanäle und Seen in Irland, Großbritannien, Schweden, Frankreich, Spanien, Portugal, der Niederlande, Belgien, Deutschland, der Schweiz und Italien. Einen Schwerpunkt bildet dabei die Donau, die vom Schwarzwald bis zum Schwarzen Meer durch Deutschland, Österreich, Slowakei, Ungarn, Kroatien, Serbien, Bulgarien, Rumänien, Moldawien und die Ukraine fließt.

    Da ich in der Nähe von Köln lebe, waren für mich natürlich die Routen auf dem schönen Rhein von besonderem Interesse, ganz besonders die 490 km lange Fahrt zwischen Köln und Basel sowie die unterschiedlichen Fahrten in die Niederlande. Ein großer Traum wäre neben einer Kreuzschifffahrt auf der Donau auch eine Reise auf Rhône und Saône, um in Arles auf Vincent van Goghs Spuren zu wandeln.

    Der übersichtlich gestaltete Bildband im Großformat mit den umfassenden Informationen, Anregungen und wunderschönen Farbfotos lädt zum Träumen ein, er hat mich begeistert und mir viel Lesefreude bereitet. Er hat mir umfangreiches Hintergrundwissen vermittelt und ist für mich die ideale Unterstützung bei der Planung meiner nächsten Flusskreuzfahrten. Die Übersichtskarten, die den genauen Verlauf der Flussreisen darstellen, fand ich sehr hilfreich. Hervorheben möchte ich die sehr hochwertige Gestaltung, die das Buch auch zu einem kostbaren Geschenk macht.

    Absolute Leseempfehlung!
    Die Ernährungs-Docs - Cholesterin senken - Unsere 100 besten Rezepte

    Matthias Riedl
    Die Ernährungs-Docs - Cholesterin senken - Unsere 100 besten Rezepte (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    02.09.2026

    Großartiges Buch über die richtige Ernährung für optimale Blutfettwerte

    Ich bin seit der ersten NDR-Sendung "Die Ernährungs-Docs" begeistert von den Reportagen, in denen schon vielen Menschen mit unterschiedlichen gesundheitlichen Problemen auf der Basis einer Ernährungsumstellung geholfen wurde.

    In "Cholesterin senken - Unsere 100 besten Rezepte", dem aktuellen Buch der Ernährungs-Docs, steht das Thema Cholesterin im Fokus. Auf den ersten 17 Seiten können wir unser Wissen vertiefen, es geht u.a. um gute und schlechte Fette, die Fettverdauung und Essen für gute Gefäße. Diese Informationen sind auch für medizinische Laien gut verständlich. Es folgt eine zweiseitige Übersicht über die Top-Lebensmittel für gute Cholesterinwerte.

    Ab Seite 19 folgen 100 Rezepte für Frühstück, Hauptgerichte, kleine Gerichte und Süßes. Jeder Rezeptvorschlag umfasst ein bis zwei Seiten mit Zutatenliste und Zubereitungshinweisen, schöne Farbfotos präsentieren das fertige Gericht. Ich bin begeistert von der Fülle der vorgestellten Speisen, die leicht zuzubereiten sind. Einige Rezepte habe ich bereits ausprobiert und mich sehr gefreut, dass die Gerichte mir so gut schmeckten. Man sollte sich darüber im Klaren sein, dass manche Zutaten nicht in jedem Haushalt vorhanden sind, wie z.B. Rote-Linsen-Mehl, dunkles Mandelmus oder rohe Kakao-Nibs.

    Das Buch umfasst 215 Seiten, es ist sehr hochwertig und übersichtlich gestaltet. Am Ende befindet sich ein dreiseitiges Rezeptregister, das die Suche nach bestimmten Gerichten erleichtert. Des Weiteren gibt es einen Test, mit dem man herausfinden kann, wie es um die eigene Herzgesundheit bestellt ist.

    Ich glaubte, bereits viel über das Thema zu wissen und habe doch einiges hinzugelernt, so z.B., dass zwei Hafertage effektiver sind als ein tägliches Haferfrühstück. Der positive Effekt auf den Cholesterinspiegel ist sogar noch nach sechs Wochen nachweisbar! Überrascht hat mich auch die Aussage der Ernährungs-Docs, dass nur 20 % unseres Cholesterins von der Nahrung stammen, während 80 % des Cholesterols (körpereigenes Cholesterin) in der Leber produziert werden.

    Absolute Empfehlung für dieses tolle Rezeptbuch, das dabei helfen kann, den Cholesterinspiegel mit der richtigen Ernährung zu senken.
    Wildboden

    Constantin Lieb
    Wildboden (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    02.09.2026

    Anspruchsvoller Roman über eine Liebe in schwierigen Zeiten

    In seinem Debütroman "Wildboden", der im Insel Verlag erschienen ist, erzählt Constantin Lieb die Geschichte einer außergewöhnlichen Liebe.

    Ernst Ludwig Kirchner, einer der wichtigsten Vertreter des Expressionismus, und seine Lebensgefährtin Erna Schilling leben seit 15 Jahren zurückgezogen in Frauenkirch, einem Ortsteil der Gemeinde Davos. Der Künstler wünscht sich sehnlichst, dazuzugehören, doch die Bewohner des Ortes begegnen ihm und Erna immer noch mit Skepsis. Nur wenige interessieren sich für Kirchners Kunst. Erna leidet unter Depressionen, sie fühlt sich einsam und hat Heimweh nach Berlin. Kirchner ist traumatisiert von Ereignissen während des Ersten Weltkriegs und seitdem immer wieder abhängig von Medikamenten. Seine Welt bricht zusammen, als er erfährt, dass in Deutschland seine Werke als entartete Kunst bezeichnet werden und er von den Nationalsozialisten aus der Preußischen Akademie der Künste ausgeschlossen wurde. Freunde, Sammler und Unterstützer wenden sich von ihm ab, er verkauft keine Bilder mehr. Auch die sich zuspitzende politische Situation belastet den Künstler zunehmend, er hört Stimmen und wird von Wahnvorstellungen gequält ...

    Der Roman ist in ganz wunderbarer Sprache ruhig erzählt und liest sich sehr flüssig. Wir tauchen ein in die beiden letzten gemeinsamen Jahre eines Paares, bei dem die Rollen klar verteilt sind. Während Kirchner sich ganz seiner Kunst widmet, hält Erna ihm den Rücken frei, kümmert sich um den Haushalt und alles Geschäftliche. Bereits vor ihrem Umzug von Berlin in die Schweiz war sie ihm eine unverzichtbare Mitarbeiterin.

    Das Buch ist keine leichte Kost, es hat mich gefesselt und zutiefst berührt. Der damalige Zeitgeist ist hervorragend dargestellt, die Zeichnung der Charaktere authentisch und bildhaft. Der Künstler ist schwierig und egozentrisch, er behandelt Erna des Öfteren mit verletzender Herablassung und demütigt sie. Das Paar hat eine Abmachung, die besagt, dass "das Werk über allem steht", für Kirchner ist Erna in erster Linie eine Kameradin. Ich hatte oft Mitleid mit Erna, die nicht nur gegen ihre eigenen Depressionen kämpfte, sondern auch verzweifelt Kirchner zu retten versuchte.

    Constantin Liebs beeindruckender Roman über Kunst und Liebe, Abhängigkeit und Verlust basiert auf über 3500 Briefen und Postkarten, Tagebüchern, Fotografien und auch den Werken Ernst Ludwig Kirchners. Ich habe die Geschichte, die die historischen Begebenheiten geschickt mit literarischer Fiktion verwebt, sehr gern gelesen und empfehle sie nicht nur Kunstinteressierten!
    Wirf einen Schatten

    Elena Fischer
    Wirf einen Schatten (Buch)

    4 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern
    28.08.2026

    Melancholische Geschichte

    Im Mittelpunkt von "Wirf einen Schatten", dem neuen Roman von Elena Fischer, steht der Bergbauer Joseph, dessen Frau Lis mit dem 4-jährigen gemeinsamen Sohn Samuel in die Stadt gezogen ist. Anfangs hatte er noch gehofft, dass die beiden bald zurückkehren würden, doch mittlerweile sind sechs Monate vergangen, in denen er von Lis nichts mehr gehört hat. An Heiligabend des Jahres 1963 versinkt er in tiefer Trauer, hält sein Leben und die Perspektivlosigkeit nicht länger aus. Er ist davon überzeugt, dass er das Richtige tut, wenn er seinem Leben ein Ende setzt. Die Tiere hat er mit mehr Futter als sonst versorgt und das Gewehr liegt bereit, als es an der Tür klingelt. Er kann die junge Frau, die einen Schwächeanfall hat, gerade noch auffangen und trägt sie zum Sofa. Bald erkennt er, dass Birdie, wie sie sich nennt, ernsthaft krank ist. Er kümmert sich darum, dass sie Hilfe bekommt und bietet ihr an, bei ihm zu bleiben, bis sie sich erholt hat ....

    Die Geschichte ist auf zwei Ebenen erzählt, die erste Ebene beginnt mit dem 24.12.1963, während der zweite Erzählstrang im August 1963 mit dem Tag beginnt, an dem Lis gemeinsam mit Samuel ihren Mann verlässt. Auf dieser Ebene wird die Geschichte rückwärts erzählt, langsam blättert sich Josephs Vergangenheit und die von Lis auf. Wir erfahren erst am Ende des Buches, wie Joseph und Lis sich sechs Jahre zuvor kennenlernten.

    Elena Fischer ist es gelungen, die Figur des Joseph mit sehr viel Empathie zu zeichnen. Die strenge Erziehung durch den Vater und mehrere tragische Ereignisse in der Familie haben Spuren hinterlassen und einen Mann aus ihm gemacht, dem es schwerfällt, sich von den Traumata seiner Vergangenheit zu befreien und über seine Gefühle zu reden. Er liebt seine Tiere und die Arbeit auf dem Hof, ein Leben in der Stadt kann er sich nicht vorstellen. Seine Frau Lis dagegen vereinsamt nach anfänglicher Begeisterung für das Hofleben zusehends, sie langweilt sich und fühlt sich von Joseph vernachlässigt. Auch Lis' Schwester Ada, die in dem Buch eine wichtige Rolle spielt, ist ganz wunderbar beschrieben. Ich mochte die zurückhaltende junge Frau, die schon früh ihre Leidenschaft für das Schreiben entdeckt. Mit der Figur der Pfarrerstochter Birdie, die von zuhause geflohen ist, hatte ich meine Schwierigkeiten, irgendwie passt sie für mich nicht so recht in die sechziger Jahre.

    Das melancholische Buch hat mir sehr gut gefallen, besonders Josephs Schicksal hat mich berührt. Er steckt voller Selbstzweifel, möchte Samuel ein guter Vater sein, weiß aber nicht, wie das geht. Es braucht Zeit und Geduld, bis er zu dem Kleinen, der auf Lis fixiert ist, eine Beziehung aufbauen kann. Ich mochte die klare Sprache und den schönen Erzählstil der Autorin. Die Geschichte hätte mir allerdings noch besser gefallen, wenn sie ein paar Jahrzehnte später gespielt hätte. Einiges wäre stimmiger gewesen, so z.B. die eher modernen Vornamen der Protagonistinnen oder die Geschichte um Edda, die ich für die damalige Zeit als unrealistisch empfand.

    Trotz der historischen Ungenauigkeiten habe ich das Buch, in dem es um Liebe und Sehnsucht, Flucht und Hoffnung geht, gern gelesen und mich gut unterhalten gefühlt.
    Weiterleben

    Patrick Charnley
    Weiterleben (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    19.08.2026

    Warmherzig und bewegend

    Der Debütroman "Weiterleben" des englischen Autors Patrick Charnley basiert auf seinen persönlichen Erfahrungen. Er erlitt im Februar 2021 einen 40-minütigen Herzstillstand. Dank schneller Hilfe wurde sein Leben gerettet, aufgrund eines Sauerstoffmangels kam es jedoch zu gravierenden Gehirnschädigungen, die ihn auch heute noch beeinträchtigen.

    Jago Trevarno, der 20-jährige Ich-Erzähler, war 40 Minuten lang tot, sofortige Reanimation und eine darauffolgende Operation am offenen Herzen haben sein Leben gerettet. Seitdem ist nichts mehr, wie es war. Aufgrund von Gehirnschädigungen muss er mit vielen Einschränkungen leben. Er ist vergesslich, leidet unter dem Fatigue-Syndrom, hat Probleme mit den Augen, mit dem Lesen und Schreiben. Freude, Traurigkeit und Langeweile vermag er nicht mehr zu empfinden. Seine Mutter ist vor einem Jahr infolge einer Krebserkrankung verstorben, den Vater kennt er nicht. Daher lebt Jago seit 5 Monaten bei seinem Onkel Jacob, dem älteren Bruder seiner Mutter. Jacob ist Selbstversorger in Cornwall, er hat zwei Pferde, betreibt eine kleine Rinderfarm und baut Gemüse an. Er kümmert sich sehr liebevoll und fürsorglich um seinen Neffen. Die beiden führen ein ruhiges Leben auf Jacobs Hof, es gibt bis auf die Steckdose für die Gefriertruhe keinen Strom, Öllampen sorgen für behagliches Licht. Die Ruhe der beiden wird gestört, als Jacobs zwielichtiger Nachbar Bill Sligo ihm ein an der Küste gelegenes Grundstück abkaufen möchte und dabei auch vor kriminellen Aktionen nicht zurückschreckt ...

    Die Geschichte ist in schöner Sprache sehr ruhig erzählt. Der Autor beschreibt die malerische Küstenlandschaft und das einfache, dabei aber auch harte Leben auf dem Land. Es ist ein langsames, ein achtsames Leben im Einklang mit der Natur. Wir beobachten Jagos und Jacobs Alltag mit seinen Ritualen, das Zubereiten ihrer Mahlzeiten, das sparsam eingerichtete und ordentliche Haus. Sie kümmern sich in einer friedlichen und für Jago heilsamen Atmosphäre um die Versorgung der Tiere und die Gemüsebeete. Die Erzeugnisse verkaufen sie auf dem Markt in St. Ives.

    Authentisch und bildhaft skizziert der Autor seine sympathischen Figuren und lässt uns tief in Jagos Gedanken- und Gefühlswelt blicken. Seine gesundheitlichen Einschränkungen und die damit verbundenen Probleme und Herausforderungen beschreibt er mit sehr viel Empathie. Meine Lieblingsfigur war der geduldige und ausgeglichene Jacob, für den es selbstverständlich war, seinen Neffen bei sich aufzunehmen. Er gibt ihm Ruhe und Geborgenheit, und er achtet darauf, dass Jago sich bei der täglichen Arbeit auf dem Hof nicht überanstrengt, lange Pausen einlegt und ausreichend schläft.

    Der Roman hat für mich nur eine einzige Schwäche: die Geschichte um Bill Sligo. Obwohl durchaus spannend erzählt, fand ich sie entbehrlich und hätte stattdessen lieber etwas mehr über Sophie und Jagos Mutter gelesen. Trotz dieses Kritikpunkts habe ich das Buch mit sehr viel Freude gelesen, es hat mich begeistert, gefesselt und zutiefst berührt. Es regt zum Nachdenken an über das eigene Leben, unsere Gesundheit und unseren hektischen Lebensstil. 

    Absolute Leseempfehlung für diese hoffnungsvolle und warmherzige Geschichte mit Tiefgang, die gänzlich ohne Sentimentalitäten auskommt und für mich bereits jetzt eines meiner diesjährigen Lesehighlights ist!
    Falls jemand fragt, wer wir waren

    Eva Kranenburg
    Falls jemand fragt, wer wir waren (Buch)

    4 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern
    15.08.2026

    Packend erzählte Zeitgeschichte

    In ihrem aktuellen Roman "Falls jemand fragt, wer wir waren" verknüpft die Autorin Eva Kranenburg, die in Dresden lebt und als Psychotherapeutin und Drehbuchautorin tätig ist, die Suche eines jungen Mädchens nach seiner Freundin mit den Geschehnissen des Volksaufstands am 17. Juni 1953 in Halle.

    Die 16-jährige Schülerin Mathilde Kersten, genannt Tilla, lebt mit ihrem Vater, einem KZ-Überlebenden, in einer kleinen Wohnung in Halle. Als Tilla die 17-jährige Rena kennenlernt, findet sie in ihr eine Freundin, mit der sie viel Zeit verbringt. Als Rena plötzlich verschwindet, begibt Tilla sich auf die Suche. Zu Ihrer Überraschung muss sie feststellen, dass die Frau, die Rena als ihre Mutter ausgegeben hat, überhaupt keine Kinder hat, und dass das Haus, in dem sie angeblich mit ihrem Vater wohnt, nur eine Fassade ist. Anfangs fühlt sie sich von ihrer Freundin verraten, vermutet dann aber doch einen triftigen Grund für Renas Verhalten. Sie will das Rätsel um Rena lösen und beginnt, nachdem ihre Vermisstenanzeige bei der Polizei keinen Erfolg zeigt, mit eigenen Nachforschungen.

    Die aus vier Teilen bestehende Geschichte ist auf zwei Handlungsebenen in der Ich-Form erzählt: die wenigen Wochen mit Rena und die Zeit nach ihrem Verschwinden. Den Höhepunkt des Romans stellen die Geschehnisse während des Volksaufstands am 17. Juni 1953 in Halle dar. Am Ende des Buchs beschreibt die Autorin den historischen Kontext.

    Ich habe das packende Buch bis zum für mich stimmigen Ende sehr gern gelesen. Die Autorin skizziert die Protagonisten, ganz besonders die etwas naive Tilla, authentisch und bildhaft. Sie ist eine gute Schülerin, die gern Journalistin werden möchte, glaubt an den Sozialismus und sieht in ihm den einzigen Weg für dauerhaften Weltfrieden. Je länger sie nach Rena sucht, desto mehr Zweifel regen sich in ihr. Sie beginnt vieles zu hinterfragen, wird dabei immer mutiger, und auch ihr Vater muss sich ihren unbequemen Fragen stellen. Sehr gut dargestellt fand ich auch die kämpferische Rena, die furchtlos und zielstrebig ihren Weg geht.

    Ich finde es sehr gelungen, wie die Autorin die Geschichte der beiden Mädchen in die politische Situation rund um den 17. Juni 1953 eingebettet hat. Der damalige Zeitgeist ist hervorragend eingefangen, außerdem gibt das Buch einen intensiven Einblick in das Leben und den Alltag in der jungen DDR. Allerdings empfand ich Tillas Entwicklung von der überzeugten Sozialistin zur Widerstandskämpferin als etwas zu schnell und daher nicht ganz realistisch.

    Trotz meines Kritikpunktes Leseempfehlung für diesen beeindruckenden und hervorragend recherchierten Roman über ein wichtiges Kapitel der deutschen Geschichte! 
    Alleinruhelage

    Eva Menasse
    Alleinruhelage (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    13.08.2026

    Großartige Erzählkunst

    In ihrem neuen Roman "Alleinruhelage" beschreibt die Wiener Schriftstellerin Eva Menasse den Abschied einer Frau von ihrem in den Wäldern Brandenburgs an einem See gelegenen Wochenendhaus. Das Haus hat viel gesehen, die Ehe der namenlosen Ich-Erzählerin und das Aufwachsen der Kinder miterlebt und ist später Zeuge des Scheiterns der Ehe und diverser Neuanfänge geworden. Die Protagonistin hat bereits vor über 10 Jahren dreimal versucht, es zu verkaufen, und dreimal hat sie den Verkauf wieder gestoppt. Doch nun ist es so weit: Das Haus wird verkauft. Während sie die letzten Dinge aus dem Haus räumt, erinnert sie sich an das Familienleben mit den drei Kindern, an vergangene Lieben und Kümmernisse. 

    Die Geschichte ist in intelligenter Sprache mit viel Humor erzählt und liest sich sehr flüssig. Es hat mir viel Lesefreude bereitet, den Gedankensprüngen der Ich-Erzählerin zu folgen. Das Haus war in früheren Zeiten eine Waldschänke, ehe die Protagonistin und ihr Mann es nach der Wende kauften und fortan zwischen Berlin und Vogelsang pendelten. In unzähligen Arbeitsstunden und mit Hilfe eines Nachbarn entstand ein Zuhause, in dem sich die Familie wohlfühlte. Das Haus war nicht nur das Wochenendhaus der Familie, sondern auch immer wieder ein Rückzugsort für die Protagonistin oder ihren Ehemann. Einmal im Jahr wurde dort mit Freunden so fröhlich gefeiert, dass sich die Bewohner der benachbarten Datschen beschwerten.

    Ich habe die Geschichte, in der es neben dem Abschiednehmen auch um Probleme mit der Tochter, den Besuch bei einem Hellseher, um Heimat, Fremdheit und Ablehnung geht, sehr gern gelesen. Auch die besondere Erzählweise - die Protagonistin spricht ihr Haus ganz direkt an - hat mir gut gefallen. Eva Menasses feiner Humor durchzieht den ganzen Roman, die Schilderung der Renovierungsarbeiten durch die beiden polnischen Helfer Alla und Bolek fand ich besonders amüsant. Ich mochte aber auch die ernsteren Töne des Buches: die Gesellschaftskritik, die Ausführungen über die deutsch-deutsche Geschichte und die Beschreibung, wie es ist, als Österreicherin in Ostdeutschland zu leben.

    Absolute Leseempfehlung für diesen unterhaltsamen Roman!
    Fremde

    Belle Burden
    Fremde (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    12.08.2026

    Mutiges und bewegendes Buch

    In ihrem Debüt "Fremde" erzählt die amerikanische Autorin Belle Burden die Geschichte ihrer Ehe. Das Buch ist im Januar 2026 in den USA erschienen und stand dort monatelang auf der Bestsellerliste der "New York Times".

    Die Ich-Erzählerin Belle und ihr Ehemann James beschließen im März 2020, wegen der Pandemie vorübergehend von ihrem Wohnsitz in New York in ihr Ferienhaus auf Martha's Vineyard zu ziehen. Von dort aus werden sie im Homeoffice arbeiten, Belle als Anwältin, James als Hedgefondsmanager. Die beiden gemeinsamen Töchter Carrie und Evie begleiten sie, ihr Sohn Finn bleibt mit seinem Freund und dessen Eltern auf Long Island. Die Familie verbringt harmonische Tage, es wird gemeinsam gegessen, man geht spazieren, nachmittags brennt ein Feuer im Kamin. Wenige Tage nach ihrer Ankunft erhält Belle einen Anruf von einem Fremden, der ihr mitteilt, dass ihr Mann eine Affäre mit seiner Frau habe. Damit konfrontiert, beteuert James, dass er Belle liebe und die Affäre vorbei sei. Am nächsten Morgen eröffnet er seiner Frau, dass er beschlossen habe, sich scheiden zu lassen. Wenig später verlässt er das Haus. Für Belle bricht eine Welt zusammen ...

    Belle Burden verarbeitet in ihrem Buch das Ende ihrer Ehe, die 1999 geschlossen wurde, für die Ewigkeit, so schien es damals. Sie passten perfekt zusammen, die drei Wunschkinder werden geboren, und Belle gibt ihren Beruf auf, um sich der Familie zu widmen. Sie ist glücklich als Vollzeitmutter, engagiert sich ehrenamtlich gegen häusliche Gewalt und vertritt jugendliche Einwanderer. James macht Karriere, bald steht für ihn die Arbeit an erster Stelle. Er hat immer weniger Zeit für seine Familie und kommt erst am späten Abend nach Hause.

    Offen und ehrlich beschreibt die Autorin nicht nur die Jahre mit James, sie lässt neben ihrer eigenen Vergangenheit auch die ihrer Eltern in das Buch einfließen. Sie stammt aus einer wohlhabenden New Yorker Familie, ist die Tochter eines Politikers und einer Stadtplanerin. Kurz vor ihrem 50. Geburtstag steht sie vor den Trümmern ihrer Ehe. Ein schmerzhafter Prozess der Loslösung von dem Mann, den sie zu kennen glaubte, beginnt. Während James' Familie sich von Belle lossagt und den Kontakt zu ihr abbricht, stehen ihre Freundinnen, ihre Mutter und die Stiefmutter fest an ihrer Seite. Anfangs am Boden zerstört, sich ständig nach dem Warum fragend und ohne jegliches Selbstwertgefühl, gelingt es der schüchternen Belle nach und nach, sich mutig der neuen Situation zu stellen. Sie kämpft für ihre Rechte und gewinnt ihre Identität und ihr Leben zurück.

    Ich habe das fesselnde Buch sehr gern gelesen, es ging mir unter die Haut und hat mich zutiefst berührt. Belles Verzweiflung, ihren Schmerz und ihre Trauer konnte ich gut nachempfinden. Ich habe ihr gewünscht, dass sie es bald schafft, sich innerlich von dem Menschen zu lösen, der sie nach 20 scheinbar glücklichen Ehejahren völlig emotionslos verlassen hat.
    Es hat mich erschüttert, dass James auf das Sorgerecht für die Kinder verzichtete und den Kontakt zu ihnen auf ein Minimum reduzierte. Ein Treffen pro Woche reichte ihm. Nie durften sie bei ihm übernachten, nie machte er Urlaub mit ihnen.
    Verwundert hat mich Belles Naivität im Zusammenhang mit dem auf James' Wunsch hin geänderten Ehevertrag. Sie übersah erste Warnsignale und überließ ihrem Mann sämtliche finanziellen Angelegenheiten.
    Gut gefallen hat mir, dass die Autorin ihre Geschichte mit viel Empathie, dabei aber auch vollkommen sachlich und ohne Schuldzuweisung erzählt.

    Absolute Leseempfehlung für dieses großartige und mutige Buch, das in Kürze mit Gwyneth Paltrow als Produzentin und Hauptdarstellerin verfilmt wird.
    Tschikago

    Alexandra Stahl
    Tschikago (Buch)

    3 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern Inaktiver Stern
    08.08.2026

    Über das Älterwerden

    In "Tschikago", dem aktuellen Roman von Alexandra Stahl, steht neben dem Leben der Großeltern der Autorin das Älterwerden im Fokus.

    Nach dem Scheitern ihrer Ehe zieht die Mutter der damals 3-jährigen Ich-Erzählerin Alexandra zu ihren Eltern in ein kleines Dorf in Unterfranken. Fortan wächst das Mädchen in der Nähe der Großeltern auf und erinnert sich Jahre später mit viel Liebe und Humor an die gemeinsame Zeit. Die Großeltern sind noch jung, bei Alexandras Geburt ist ihre Großmutter 46 Jahre, der Großvater 49 Jahre alt. Die Großmutter arbeitet bis zu ihrer Frühpensionierung wegen Schwerhörigkeit in einer Holzfabrik. Sie sammelt Puppen, schaut regelmäßig die Spielshow "Glücksrad", gibt Tupperpartys und füttert zum Leidwesen des Großvaters neben den beiden eigenen auch streunende Katzen. Der Großvater ist als Elektriker in einer Chemiefabrik tätig. Er liest Böll, sieht regelmäßig "Ran" und hortet Steckdosen und Verlängerungskabel. Die Ehe des Paares ist nicht perfekt, häufig gibt es kleine Streitereien, doch am Ende eines jeden Tages "sind sie unzertrennlich".

    Der Roman ist in drei Teile gegliedert. Im ersten Teil lernen wir die Großeltern der Autorin kennen, im zweiten Teil fängt die mittlerweile 29-Jährige nach dem Tod des Großvaters in einem Berliner Seniorenheim als Ehrenamtlerin an. Anfangs besucht sie einmal wöchentlich eine Bewohnerin, später leitet sie eine Biografiegruppe, in der die Senioren ihre persönlichen Erinnerungen miteinander teilen. Im dritten Teil des Buches erinnert die Autorin sich an zurückliegende Besuche bei der Großmutter.

    "Tschikago" ist ein Buch über das Älterwerden, die Beschwernisse des Alters und das Abschiednehmen. Alexandra Stahl erzählt die Geschichte ihrer Großeltern in schöner Sprache, die Dialoge im fränkischen, für mich gut lesbaren und verständlichen Dialekt. Mit viel Wärme, Empathie und Humor beschreibt sie das Zusammenleben zweier Menschen, die 57 Jahre eng verbunden waren. Obwohl mir dieser erste Teil des Buches am besten gefallen hat, habe ich auch die teils sehr berührenden Geschichten über die Heimbewohner und ihre Gespräche und Lebensweisheiten, teils im Berliner Dialekt, gern gelesen. Der dritte Teil konnte mich leider nicht überzeugen, er folgt keinem roten Faden und springt zwischen Erinnerungen an die Besuche bei der Großmutter, dem eigenen beruflichen Werdegang und losen Gedankensplittern hin und her.

    Ich habe das Buch, das keine durchgehende Geschichte erzählt, gern gelesen. Ich mochte nicht nur die authentisch beschriebenen Großeltern der Autorin, sondern auch ihre ruhige und liebevolle Erzählweise, ihren wunderbaren Humor und die im Dialekt geschriebenen Dialoge.

    Leseempfehlung für alle, die sich für das Thema Älterwerden interessieren und bereit sind, sich auf einen fragmentarischen Erzählstil einzulassen.
    Tage am Fluss

    Jochen Mariss
    Tage am Fluss (Buch)

    3 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern Inaktiver Stern
    31.07.2026

    Lesenswertes Debüt mit wichtiger Botschaft

    Im Mittelpunkt von "Tage am Fluss", dem Debütroman von Jochen Mariss, steht die alleinstehende Sara Harmsen. Die fast Fünfzigjährige lebt zurückgezogen mit ihrer Hündin Luna, sieben Hühnern und drei Schafen auf einem abgelegenen Hof. In vierter Generation betreibt sie eine kleine Personenfähre, die das Dorf Erlengrund mit der Stadt verbindet. Eines Tages kommt ein junger Mann an Bord, er ist verletzt und erinnert sie an ihren jüngeren Bruder. Sie nimmt ihn mit nach Hause und behandelt seine Wunden. Leon möchte bei ihr bleiben und bietet ihr als Gegenleistung handwerkliche Dienste für ihr über die Jahre vernachlässigtes Anwesen an. Sara, anfangs wenig begeistert von Leons Anwesenheit, stellt bald fest, dass sie beide die Natur lieben und ihnen der Klimaschutz am Herzen liegt. Während sie und Leon sich langsam einander annähern, erfährt sie, dass der junge Mann ein von der Polizei gesuchter Klimaaktivist ist ...

    Die Geschichte ist in schöner Sprache und in ruhigem Tempo erzählt, sie liest sich sehr flüssig. Wir lernen die menschenscheue und schroffe Selbstversorgerin Sara kennen, die ihre Tiere und Bücher liebt. Ich fand es interessant, Sara in ihrem Alltag zu begleiten, ihr bei ihren zahlreichen Tätigkeiten auf der Fähre und dem Hof über die Schulter zu schauen. Sie sorgt sich um die Existenz ihres Fährbetriebs, da der Bürgermeister plant, eine Brücke über den Fluss zu bauen. Leon macht sich Sorgen wegen seiner Zukunft, er hat sein Studium abgebrochen und sich einer Gruppe angeschlossen, die für den Erhalt des Uhlendorfer Forsts kämpft. Neben der Handlung um Sara und Leon bilden die wichtigen Themen Umweltschutz und Klimawandel einen weiteren Schwerpunkt des Romans.  

    Das Buch, in dem es auch um eine schwierige Kindheit, um Schuldgefühle und deren Auswirkungen auf das ganze Leben geht, hatte intensive Momente, die mich sehr berührt haben. Leider wurden einige Themen nur oberflächlich angerissen und nicht weiter verfolgt, manches war vorhersehbar, manches unrealistisch und überzogen. Die Klimathematik nahm für mein Empfinden etwas zu viel Raum ein. Dennoch habe ich den Roman bis zum stimmigen Ende gern gelesen und mich gut unterhalten gefühlt.
    Die Straße

    Robert Seethaler
    Die Straße (Buch)

    3 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern Inaktiver Stern
    28.06.2026

    Außergewöhnlicher Erzählstil

    Ich habe mich sehr darüber gefreut, als ich gelesen habe, dass Robert Seethaler ein neues Buch geschrieben hat. Nach seinem grandiosen Bestseller "Ein ganzes Leben" habe ich "Café ohne Namen" gelesen, beide Bücher haben mich begeistert.

    In "Die Straße" begleiten wir über den Zeitraum eines Jahres zahlreiche Personen, die in der Heidestraße, einer Straße in einem nicht benannten Ort, leben. Anders als in den anderen Romanen des Autors haben wir es nicht mit einer sich fortlaufend entwickelnden Handlung zu tun. Wir lernen die Bewohner der Heidestraße durch kurze Momentaufnahmen kennen. Es gibt einen jungen Mann, der ein kleines Ladenlokal anmietet, um dort ein Antiquariat mit 17.000 Büchern einzurichten. Eine Blumenhändlerin schreibt Liebesbriefe an ihren Angebeteten und wird sie nie absenden, eine Pflegedienstleiterin in einem Altersheim bekämpft ihre Einsamkeit mit Naschereien aus der Bäckerei, eine Nichte bezieht die Wohnung ihrer Tante, die nun im Pflegeheim lebt. Es gibt einen neuen Pfarrer, der den alten abgelöst hat, und da ist der Polizist, der über zu wenig Personal verfügt.

    Die Themen des Buchs sind vielfältig, es geht um Alter und Tod, Liebe und Schmerz, Obdachlosigkeit und Kriminalität, Glauben und Vorurteile. Neben dem Straßenfest, bei dem nicht alles glatt läuft, sind Kündigungen von Mietverhältnissen, ein Brand und mehrere Todesfälle weitere Schwerpunkte.
    .
    Die Grundidee des Buches, eine Straße und ihre Bewohner in kurzen Kapiteln zu porträtieren, hat mir gut gefallen. Leider ist es nicht einfach zu lesen, es gibt sehr viele, sehr kurze Abschnitte mit ständig wechselnden Personen, knappe Dialoge, Monologe, Briefe, Dienstpläne und Beschreibungen. Der Handlung zu folgen, ist eine Herausforderung, zumal nur die Namen einiger Personen genannt werden und sämtliche Protagonisten als Ich-Erzähler auftreten. Es bedarf einiger Geduld, erst nach und nach werden die einzelnen Fragmente zusammengefügt und Zusammenhänge erkennbar.

    Ich mag die Sprache des Autors sehr, und ich mochte die Episoden um den Antiquar, die Pflegedienstleiterin und ihr Personal sowie die Heimbewohner. Das Buch ist sicherlich von hoher literarischer Qualität, dennoch bin ich mit Robert Seethalers neuem, für mich recht ungewöhnlichen Erzählstil nicht richtig warm geworden, der Roman vermochte mich leider weder zu fesseln noch zu begeistern. Ich wünsche mir, dass der Autor in seiner nächsten Geschichte wieder zu seinem gewohnten Stil zurückkehrt.

    Leseempfehlung für alle, die bereit sind, sich auf einen außergewöhnlichen Erzählstil einzulassen.
    Ein weites Leben

    M. L. Stedman
    Ein weites Leben (Buch)

    4 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern
    23.06.2026

    Mitreißender Familienroman mit Tiefgang

    Die australische Schriftstellerin M. L. Stedman hat nach ihrem im Jahr 2014 erschienenen erfolgreichen Debütroman "Das Licht zwischen den Meeren", der in 45 Sprachen übersetzt und mit Michael Fassbender und Rachel Weisz in den Hauptrollen verfilmt wurde, nun mit "Ein weites Leben" ihren zweiten Roman veröffentlicht. Mehr als zehn Jahre hat sie sich Zeit genommen, um ein Buch über das Leben und Leid einer Familie zu schreiben, die auf einer Schaffarm in Australien lebt.

    Seit Generationen bewirtschaftet die Familie MacBride ihre riesige Schaffarm Meredith Downs im Westen des Landes. Wir schreiben das Jahr 1958, als die drei Männer der Familie, der Vater Phil und seine beiden Söhne Warren und Matt, mit dem Lastwagen unterwegs sind. Bei einem Ausweichmanöver wegen eines Kängurus kommt es zu einem tragischen Unfall, bei dem Phil und der 22-jährige Warren ums Leben kommen. Der 17-jährige Matt überlebt das Unglück mit einem schweren Schädel-Hirn-Trauma. Seine Mutter Lorna trägt nun die Verantwortung für die Farm, gemeinsam mit Matts Schwester Rosie hält sie den Betrieb mithilfe von Nachbarn und Miles Beaumont, einem adeligen Praktikanten aus England, aufrecht. Nach Matts Klinikaufenthalt folgt eine lange Rehamaßnahme. Während einer kurzen Rehaauszeit kommt es zu einem Ereignis, das sein ganzes Leben beeinflussen wird ...

    Auf 526 Seiten erzählt die Autorin die Geschichte einer Familie, deren Leben sich durch ein schreckliches Unglück vollkommen verändert. Zurück bleiben die Mutter, ihre Tochter Rosie und ihr schwerverletzter Sohn, der nur langsam ins Leben zurückfindet. Schon bald muss die Familie einen weiteren Schicksalsschlag verkraften.

    Die Geschichte ist in schöner, eingängiger Sprache flüssig erzählt, die Charaktere sind authentisch beschrieben, ganz besonders der innerlich zerrissene Matt, die rebellische Rosie und der Kängurujäger Pete, der ein Geheimnis hütet. Lornas Enkel Andy, der mit Hingabe Steine sammelt, habe ich sofort in mein Herz geschlossen. Wir begleiten die Figuren über mehrere Jahrzehnte, ihre Entwicklung fand ich überzeugend und glaubhaft dargestellt.

    Die Autorin beschreibt die Kargheit des Landes und das entbehrungsreiche Leben der Menschen im australischen Outback sehr beeindruckend. Sie leben unter extremen klimatischen Bedingungen und sind den Naturgewalten ausgesetzt. Die detaillierten Ausführungen über die harte Arbeit auf einer Schaffarm, die aus Haltung und Zucht sowie aus der Produktion von Wolle besteht, fand ich sehr interessant.

    Ich habe das Buch, in dem es um Schuldgefühle und Geheimnisse, Verzicht und Einsamkeit geht, sehr gern gelesen, es hat mich trotz einiger Längen gefesselt und berührt. Es gibt überraschende Wendungen und mehrere Nebenhandlungen, das Ende ist stimmig und hoffnungsvoll. Ich habe mir für die Lektüre Zeit gelassen, zahlreiche Nebenfiguren und häufige Zeitsprünge erfordern konzentriertes Lesen.
    Ich kann mir "Ein weites Leben" gut als Vorlage für eine Verfilmung vorstellen und empfehle das Buch sehr gern weiter.
    Guten Morgen, schönes Wetter heute

    Tanja Kokoska
    Guten Morgen, schönes Wetter heute (Buch)

    4 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern
    18.06.2026

    Warmherzige Geschichte

    Ich liebe kräftige Farben, und das quietschbunte Cover von "Guten Morgen, schönes Wetter heute", dem aktuellen Roman der Autorin Tanja Kokoska, erregte sofort meine Aufmerksamkeit.

    Im Mittelpunkt der Geschichte steht die Endvierzigerin Ina Fransen, die mit 1583 weiteren Personen in einer Siedlung wohnt, die aus einhundert dreistöckigen Mietshäusern besteht. Die alleinerziehende Ina bewohnt Im Kastanienbaum 1 eine kleine Zweizimmerwohnung, die sie sich mit ihrem 17-jährigen Sohn Henry teilt. Um über die Runden zu kommen, arbeitet sie in einem Hotel und nebenbei in einem Tattoo-Studio. Henry ist ein guter Schüler und plant, nach dem Abitur mit seinem Freund ein freiwilliges soziales Jahr in Lateinamerika zu machen, doch davon weiß seine Mutter noch nichts.

    Neben Ina und Henry lernen wir weitere Bewohner der Siedlung kennen. Da ist Herr Bello, der ein wenig aussieht wie Olaf Scholz und Malen nach Zahlen liebt. Er war früher Verkäufer in einem Möbelhaus und zieht die Kleider von Inas Mutter, die kürzlich verstorben ist, an. In der Hausnummer 52 befindet sich die Gaststätte "Zum Plaudern", die von Samy geführt wird. Er kommt aus Sri Lanka und träumt davon, einmal den Eiffelturm zu sehen und über die Alpen zu wandern.
    In der Siedlung gibt es auch einen Lebensmittelladen. Er gehört den Eheleuten Arslan, die zwei Grundschulkinder haben. Frau Arslan liebt die Gedichte von Rilke und ist momentan in großer Sorge um ihre in Izmir lebende kranke Mutter.
    Frau Kaiser ist seit langem verwitwet und sehr vergesslich geworden. Sie ist 85 Jahre alt und war früher Kellnerin, der einzige Sohn lebt in Japan.

    Als in der Siedlung eine Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg gefunden wird und entschärft werden muss, werden die Bewohner der Siedlung evakuiert. Sie müssen ihre Wohnungen verlassen und werden in einer Turnhalle untergebracht ...

    Die kurzweilige Geschichte ist in ganz wunderbarer Sprache mit viel Empathie und feinem Humor erzählt. Tanja Kokoska lässt uns nicht nur hinter einige der unzähligen Wohnungstüren blicken, sondern gewährt auch Einblicke in die Gefühls- und Gedankenwelt der Bewohner. Wir erleben ihren Alltag und ihre Begegnungen, sehen ihre Träume und Sehnsüchte.

    Die Autorin beschreibt ihre - bis auf eine Ausnahme - sehr sympathischen Figuren mit ganz viel Liebe und Wärme. Es sind Menschen, die man schnell in sein Herz schließt. Sie leben Tür an Tür, manchmal reden sie ein paar Worte miteinander - und dennoch sind sie allein. Das Buch, in dem es nicht nur um Nachbarschaft, sondern auch um Menschlichkeit und Vielfalt, Einsamkeit und Menschenhandel geht, hat mir sehr gut gefallen. Ich mochte die Protagonisten, ganz besonders Herrn Bello, der sich endlich zu seiner Neigung bekennt, und Henry, der versucht, der jungen Vietnamesin Anh zu helfen.

    Gegen Ende, genauer gesagt mit Pitzis Erscheinen, wurde mir die Handlung dann doch etwas zu unrealistisch und vorhersehbar. Nichtsdestotrotz habe ich das Buch mit viel Freude gelesen und empfehle es gern weiter.
    Pina fällt aus

    Vera Zischke
    Pina fällt aus (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    17.06.2026

    Berührende Geschichte über Menschlichkeit

    Nach dem erfolgreichen Debüt "Ava liebt noch" von Vera Zischke hat der List Verlag nun "Pina fällt aus", den neuen Roman der Autorin, veröffentlicht.

    Pina Luxen ist Mitte vierzig, gelernte Floristin und arbeitet in einem Callcenter. Seit 20 Jahren kümmert sich die Alleinerziehende liebevoll und aufopfernd um ihren Sohn Leo, der autistisch ist und in seiner eigenen Welt lebt, zu der nur seine Mutter Zutritt hat. Sein Alltag besteht aus festen Routinen und Ritualen. So steht er morgens erst auf, wenn eine grüne Blase in seiner Lavalampe aufsteigt, als Frühstück akzeptiert er nur Frosties. An jedem Werktag wird er vom Busfahrer Harry abgeholt, der ihn zur Werkstatt fährt, in der Schrauben und Muttern miteinander verdreht werden. Einmal pro Woche kauft Pina für ihre 86-jährige Nachbarin Inge ein, währenddessen passt diese auf Leo auf. Bei einem dieser Einkäufe bricht Pina mitten auf der Straße zusammen und wird ins Krankenhaus eingeliefert. Ihre Nachbarin macht sich Sorgen, als sie nach 1 1/2 Stunden immer noch nicht zurück ist, und auch Leo wird zunehmend unruhig. Als die Polizei ihr mitteilt, dass Pina sich einer Notoperation unterziehen musste und noch lange im Krankenhaus bleiben muss, stellt sich die Frage, wer sich um Leo kümmert.

    Außer Pina und Leo lernen wir die drei Nachbarn kennen, die ganz plötzlich einer neuen Aufgabe gegenüberstehen. Da ist die 86-jährige, des Lebens müde gewordene Inge Russeck, die seit fünf Jahren verwitwet ist und das Haus nicht mehr verlässt, und da ist der eigenbrötlerische Wojtek Borszcykowski aus dem Erdgeschoss, der sich im Internet in die Russin Jurika verliebt hat und ihr überteuerte Kristalltiere abkauft. Eine wesentliche Rolle spielt die 16-jährige Zola Sentheimer, die eigentlich Alina heißt. Sie hat die Schule abgebrochen und ihre Ausbildung im Backshop gar nicht erst angetreten. Ganze Nächte hindurch spielt sie Computerspiele in der Wohnung, in die sie ihr wohlhabender Vater, dem das Mietshaus gehört, einquartiert hat.

    Die Geschichte ist in schöner klarer Sprache mit viel Empathie und feinem Humor erzählt und liest sich sehr flüssig. Die Autorin, die selbst ein autistisches Kind hat, beschreibt liebevoll ihre Protagonisten mit all ihren Eigenarten und Sehnsüchten.  Es war schön zu lesen, wie die Hausbewohner über sich selbst hinauswachsen und sich ihrer neuen Aufgabe stellen, nachdem sie anfangs abweisend und hilflos reagiert haben. Jeder bringt sich auf eine andere Art ein, sie ergänzen sich und wachsen immer mehr zusammen. Ich hatte großes Mitgefühl mit Leo, der ganz plötzlich aus seinem gewohnten Alltag herausgerissen wird und lernen muss, ohne seine Mutter zurechtzukommen. Die Entwicklung der Figuren ist großartig dargestellt, ganz besonders die von Leo und der rebellischen und zornigen Zola.

    Das Buch, in dem es um Nächstenliebe und Fürsorge, Zusammenhalt, Inklusion und Verantwortung geht, hat mir sehr gut gefallen. Es hat mich von Beginn an gefesselt und berührt, und es zeigt einmal mehr mit aller Deutlichkeit auf, wie belastend pflegerische Tätigkeiten innerhalb der Familie sind und welche gravierenden Lücken unser Versorgungssystem aufweist. 

    Absolute Leseempfehlung!
    Frauen und Schlaf

    Suzann Kirschner-Brouns
    Frauen und Schlaf (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    02.06.2026

    Informativer Ratgeber über den weiblichen Schlaf

    In ihrem Buch "Frauen und Schlaf" geht die Allgemeinmedizinerin und Medizinjournalistin Dr. Suzann Kirschner-Brouns der Frage nach, weshalb Frauen schlechter schlafen als Männer. Sie schlafen schlechter ein, schlafen schlechter durch, und ihre Tiefschlafphasen sind kürzer. Die Autorin hat sich 25 Jahre lang sehr intensiv mit dem wichtigen Thema beschäftigt und legt ihre Erkenntnisse in diesem Buch vor.



    Der Ratgeber umfasst 216 Seiten, hat ein zweiseitiges Inhaltsverzeichnis und ist in vier übersichtliche Teile gegliedert, die wiederum mehrere Kapitel umfassen.

    Im ersten Teil "Frauen und ihr Schlaf: eine wahre Herausforderung" geht es neben dem weiblichen Schlaf um den Einfluss der Hormonschwankungen, denen wir durch Pubertät, Monatszyklus, Schwangerschaft, Stillzeit und Wechseljahre ausgesetzt sind. Weitere Themen sind die innere Uhr, das Nachholen von Schlaf und die einzelnen Schlafphasen.

    Im zweiten Teil "Der geliebte Schlaf: Niemand schenkt uns mehr Lebenszeit, Schönheit und Gesundheit" liegt der Schwerpunkt auf den Themen Schönheitsschlaf, Schlafhormon Melatonin, Träume und die Bedeutung des Schlafs für die Gesundheit.

    In Teil 3 "Wer liebt, schläft nicht - und was uns sonst noch um den Schlaf bringt" widmet sich die Autorin den Schlafräubern Liebe, Schichtdienst, Handy und Tablet, Wechseljahre, Genussgifte und Krankheiten.

    Im vierten und letzten Teil "Wieder gut schlafen und träumen" zeigt sie den Leserinnen unterschiedliche Wege auf, um ihre Schlafstörungen loszuwerden und zu einem gesunden Schlafrhythmus zurückzufinden.



    Das kurzweilige Buch, das von viel Fachwissen und Kompetenz zeugt, hat mir sehr gut gefallen. Es ist fesselnd geschrieben und liest sich dank der klaren, für medizinische Laien wie mich gut verständlichen Sprache sehr flüssig. Die Fülle der Themen rund um den weiblichen Schlaf hat mich überrascht, ich hätte nicht gedacht, dass es so viele Ursachen für Störungen des Schlafs geben kann.

    Sehr interessant fand ich die Aussage, dass unsere Vorfahren nicht unter Schlafstörungen litten. Die Sonne war ihre einzige Lichtquelle, erst mit der Erfindung der Glühbirne machten die Menschen die Nacht zum Tag. Heute sorgen wir selbst durch etliche Schlafstörer dafür, dass wir unruhige Nächte haben. Auch die ständigen Herausforderungen durch Haushalt, Beruf und Familie, denen viele Frauen gegenüberstehen, lösen häufig Schlafstörungen aus.

    Ich habe schon einige Bücher über den Schlaf und Schlafprobleme gelesen, ein Buch über den weiblichen Schlaf ist mir zuvor nie begegnet. Es hat mir umfangreiches Wissen vermittelt und manchen Tipp gegeben, so z.B. zur Einnahme und richtigen Dosierung des Schlafhormons Melatonin, zu dem ich gelegentlich greife, wenn es mir an Bettschwere mangelt. Für mich persönlich war es besonders interessant zu erfahren, wie und weshalb sich Hormonschwankungen auf den Schlaf auswirken.

    Das Sachbuch hat mir sehr gut gefallen, es handelt sich um ein äußerst informatives Werk, das keine Fragen offen lässt und viele gute Tipps gibt, um wieder gut schlafen zu können.

    Absolute Leseempfehlung für diesen großartigen Ratgeber, der mich inhaltlich vollends überzeugt hat!
    Solange ein Streichholz brennt

    Christian Huber
    Solange ein Streichholz brennt (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    01.06.2026

    Intensiv erzählte Geschichte mit Tiefgang

    Nach seinem 2022 erschienenen Bestseller "Man vergisst nicht, wie man schwimmt" hat der Autor Christian Huber mit "Solange ein Streichholz brennt" einen Roman veröffentlicht, in dem sich zwei Menschen aus völlig unterschiedlichen Welten begegnen.
     
    Der 36-jährige Daniel Bohm, im Buch kurz Bohm genannt, lebt seit 5 Jahren in Köln auf der Straße. Einen Rucksack, in dem sich neben einigen persönlichen Gegenständen ein an ihn gerichteter ungeöffneter Brief befindet, eine Isomatte und einen Schlafsack - mehr besitzt er nicht. Ein zugelaufener Hund, den er Fox nennt, wird sein treuer Begleiter. Als er auf dem Flohmarkt kleine, selbst geschnitzte Holzmäuse verkauft, wird er von Alina Alev angesprochen, einer Fernsehjournalistin, die seit zwei Jahren für den TV-Sender RTI arbeitet. Sie möchte Bohm für eine Reportage eine Woche lang begleiten, um über seinen Alltag zu berichten und bietet ihm dafür ein Honorar von tausend Euro an. Bohm lehnt zunächst ab, doch als sein Hund dringend tierärztlich behandelt werden muss, erklärt er sich bereit, mit Alina zusammenzuarbeiten ...
     
    Die kurzweilige Geschichte ist abwechselnd aus den Perspektiven von Bohm und Alina erzählt und liest sich sehr flüssig. Die beiden Protagonisten sind authentisch und mit viel Feingefühl beschrieben. Es hat mir viel Lesefreude bereitet, in ihre Leben einzutauchen und sie für eine kurze Zeitspanne zu begleiten. Auf der einen Seite lernen wir die unsichere und unter starkem beruflichem Druck stehende Alina kennen, die schon mit ihrer Kündigung gerechnet hatte und nun für die Reportage über Bohm eine letzte Chance bekommt. Auf der anderen Seite begegnen wir dem alkoholabhängigen Bohm, der ein hartes Leben auf der Straße führt und über seine Vergangenheit schweigt. Es hat mich sehr berührt, dass er alles ihm Mögliche unternimmt, um seinen schwerverletzten Hund zu retten und auch darüber hinaus immer wieder seine sensible Seite zeigt. 
     
    Ich habe den Roman bis zum hoffnungsvollen Ende sehr gern gelesen, obwohl mir die Handlung nicht immer ganz glaubhaft erschien. Neben Alinas und Bohms behutsamer Annäherung, die der Autor vollkommen kitschfrei beschreibt, geht es auch um Verlust und Schuld, um Stigmatisierung von wohnungslosen Menschen und die Sensationsgier der Medien. Gegen Ende des Buches erfahren wir, welche bedauerlichen Umstände zu Bohms Obdachlosigkeit geführt haben. 
     
    Christian Huber zeigt in seinem Buch sehr deutlich auf, wie schnell Menschen durch persönliche Krisen in die Obdachlosigkeit geraten können und wie schwer es ist, aus dieser scheinbar hoffnungslosen Situation wieder herauszufinden. Er beschreibt auch die Vorurteile und Vorbehalte der Gesellschaft ihnen gegenüber und die Erniedrigungen, denen sie tagtäglich ausgesetzt sind.

    Auch die oberflächliche und skrupellose Scheinwelt der Medien hat der Autor sehr eindrucksvoll geschildert und gewährt dabei interessante und intensive Einblicke in den Arbeitsalltag eines TV-Produktionsteams, dessen oberste Prioritäten auf einer reißerischen Berichterstattung und einer hohen Einschaltquote liegen.

    Absolute Leseempfehlung für diese einfühlsame und bewegende Geschichte, die mich sehr nachdenklich gemacht hat!
    Zelten mit Juli

    Petra Eimer
    Zelten mit Juli (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    01.06.2026

    Liebevoll und sehr hochwertig gestaltetes Kinderbuch

    "Zelten mit Juli" ist bereits der siebte Band der erfolgreichen Kinderbuchreihe um Paul und sein Pferd Juli, den die Autorin und Illustratorin Petra Eimer veröffentlicht hat. Im Mittelpunkt der Abenteuergeschichte stehen die Tierischen Sechs, die aus dem Ich-Erzähler Paul, seinem besten Freund Max und seiner Freundin Anna von nebenan bestehen sowie der Stute Juli, ihrem Fohlen Juno und dem Hund Watson. Die Tiere arbeiten seit dem Sommer an der Schule der Kinder als Therapietiere.

    Um seinen Schülerinnen und Schülern die Natur näherzubringen, fährt Schuldirektor Seibel mit ihnen nach Bayern zum Zelten. Mit dabei sein werden Frau Grimscheid, die Klassenlehrerin der Kinder, und natürlich die drei Schultiere, für deren Transport und Betreuung Herr Hoppe zuständig ist, Julis ehemaliger Besitzer. Für eine Woche werden sie Gäste in einem Camp sein, das sich für den Schutz der Umwelt einsetzt. Im Camp der guten Hoffnung werden sie von Annika begrüßt, die mit ihrem Mann Thomas das Camp leitet. Die Kinder sind von den strengen Campregeln wenig begeistert. Außerdem ist das Baden im See verboten, weil dort viel Plastikmüll herumliegt. Die Tierischen Sechs beginnen mit ihren Ermittlungen, um herauszufinden, wer für die Verschmutzung verantwortlich ist ...

    Die lehrreiche Geschichte mit dem wichtigen Thema Umweltschutz ist fesselnd und mit ganz viel Herz und Humor erzählt. Sie kann problemlos ohne Kenntnis der Vorgängerbände gelesen werden, zumal alle Beteiligten auf den ersten Seiten ausführlich vorgestellt werden. Es gibt an einigen Stelle Verweise auf frühere Bände der Reihe, die die Kinder sicherlich neugierig auf die anderen Geschichten machen werden.

    Das wunderschön gestaltete Kinderbuch umfasst 182 Seiten und richtet sich an Kinder ab etwa 8 Jahren zum Selberlesen, eignet sich aber auch hervorragend zum Vorlesen für jüngere Kinder. Die Schrift ist schön groß, die Sprache altersgerecht und gut verständlich. Der abenteuerliche Comic-Roman ist reich bebildert, auf jeder Seite befinden sich detailreiche und farbige Illustrationen. Sie sind ganz zauberhaft und laden die kleinen Leserinnen und Leser zum ausgiebigen Betrachten ein. Gut gefallen hat mir auch, dass die Autorin besonders zu betonende Wörter durch farbige Großschreibung und Unterstreichungen optisch hervorgehoben hat.

    Absolute Lese- und Vorleseempfehlung für dieses wunderbares Kinderbuch, das Mädchen und Jungen gleichermaßen begeistern wird!
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