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    SusanK

    Aktiv seit: 01. September 2024
    "Hilfreich"-Bewertungen: 0

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    Wir können nicht sicherstellen, dass die Angaben von Verbrauchern stammen, die das Produkt tatsächlich genutzt oder erworben haben.

    91 Rezensionen

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    Weihnachten im geheimen Buchladen

    Cressida Mclaughlin
    Weihnachten im geheimen Buchladen (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    28.09.2026

    Eine Geschichte über Mut, Vertrauen und das Ankommen

    Sophie ist eine getriebene Seele. Obwohl es für sie gerade eigentlich perfekt läuft – sie hat eine eigene kleine Ladenfläche in Mistingham an der Nordküste Englands und ein tolles Umfeld –, sucht sie insgeheim schon wieder nach Fluchtmöglichkeiten. Doch dann landet eine wunderschöne Ausgabe von„Jane Eyre“ auf ihrer Verkaufstheke, versehen mit einer persönlichen Botschaft aus einem „geheimen Buchladen“. Das Rätsel um den mysteriösen Absender lässt Sophie keine Ruhe und sie beschließt, ihre Fluchtpläne vorerst auf Eis zu legen. Um dem Geheimnis auf die Spur zu kommen, lässt sie sich darauf ein, zusammen mit dem eher zurückgezogenen Harry das große Weihnachtsfest für das Dorf zu organisieren. Keine leichte Aufgabe, denn Harry ist nicht gerade als großer Menschenfreund bekannt und auch die Dorfgemeinschaft wirbelt Sophies Pläne ordentlich durcheinander.

    Die Geschichte wird durchgehend aus der personalen Erzählperspektive in der 3. Person erzählt. Als Leser bleibt man dadurch manchmal ein kleines bisschen „außen vor“ – es heißt eben oft distanzierter „Sophie machte das“ oder „Harry tat jenes“, anstatt dass man direkt in ihre Köpfe eintauchen kann.Dennoch schafft es die Autorin, das Ganze durch einen wunderbar flüssigen und dynamischen Stil auszugleichen. Die Story punktet mit einer perfekten Prise Humor und einem unglaublich bildhaften Setting, das die raue Küstenlandschaft lebendig vor Augen führt und Heißhunger auf die beschriebenen Gerichte macht. Genau so muss eine Weihnachtsgeschichte sein: mit unendlich viel Liebe geschrieben, absolut gemütlich, aber ohne in den Kitsch abzudriften – stattdessen regt das Buch an den richtigen Stellen auch mal zum Nachdenken an.

    Cressida McLaughlin wurde im Südosten Londons umgeben von Büchern geboren. Sie studierte Englisch an der Universität von East Anglia und lebt heute als gefeierte Bestsellerautorin in Norwich. Dass die Autorin selbst eine tiefe Liebe zu Büchern, zur englischen Küste und zu Vierbeinern besitzt, merkt man einfach in jeder einzelnen Zeile ihres Romans. Sie schafft es perfekt, ihre eigenen Leidenschaften in die Geschichte einzuweben.

    Die Charaktere sind unglaublich liebevoll und lebendig ausgearbeitet. Sophie, die in ihrem unsteten Leben schon viel gesehen hat, stellt im Shop-in-Shop-Laden von Fiona mit viel Hingabe wunderschöne, selbstgemachte Notizbücher her. Und bei Harry sieht man wunderbar, das Tratschen nicht viel bringt, sondern die meisten Entscheidungen gute Gründe haben können.

    Überhaupt sind die vielen Dorfbewohner von Mistingham, die wir im Laufe der Story kennenlernen, herrlich schrullig und absolut liebenswert. Eine weitere getriebene Seele im Ort bringt zudem unglaublich viel Weisheit mit in die Geschichte und sorgt für tiefgründige Momente.

    Das wahre Highlight sind für mich jedoch die tierischen Begleiter: das Retriever-Duo „Darkness und Terror“, der kleine Hund Clifton und allen voran Felix, die Ziege! Felix hat wirklich nur Flausen im Kopf, sorgt für jede Menge Abenteuer und bekommt als genialer Bonus am Ende eines jeden Kapitels einen Auftritt in verschiedenen Pullovern.

    Die Zusammenarbeit zwischen Sophie und dem zurückhaltenden Harry hat mir unglaublich gut gefallen. Die beiden nähern sich auf eine so ruhige, natürliche Weise an, dass die Romantik perfekt zum „Cozy-Charakter“ des Buches passt.

    Hier geht es nicht um die großen, übertriebenen Dramen, sondern um Gemeinschaft, Vertrauen und die Frage, was ein Zuhause ausmacht. Es ist eine herzerwärmende Geschichte über die Kraft von Beziehungen und darüber, wie Menschen sich positiv verändern können, wenn sie sich endlich sicher fühlen. Eine klare Leseempfehlung!
    Darmschleimhaut

    Martin Storr
    Darmschleimhaut (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    24.09.2026

    Wissenschaft mit Charme

    Der Gastroenterologe Prof. Dr. Martin Storr beleuchtet die zentralen Prozesse des menschlichen Verdauungstraktes. Am praktischen Beispiel eines Kekses wird aufgezeigt, wie Kauen, Speichel und die dreischichtige Darmbarriere die Gesundheit beeinflussen. Das Buch vermittelt neben Stressbewältigungsstrategien ein Fünf-Punkte-ABC für den Darm, das sich ohne Verzicht umsetzen lässt. Zudem wird erläutert, wie sich die Schutzschleimschicht über die Ernährung aufbauen lässt, wie die Darm-Hirn-Achse funktioniert und inwiefern die Darmschleimhaut mit Hautproblemen, Gelenkschmerzen oder stillen Entzündungen zusammenhängt.

    Ich finde es super, wie mühelos das Buch den Spagat zwischen wissenschaftlicher Fundiertheit und absoluter Leichtigkeit meistert. Der Stil ist herrlich praxisnah, verständlich und sprüht vor Metaphern und Humor. Auch die eingewebten Dialoge mit Patient*innen lockern den Text perfekt auf. Mein einziger, kleiner Kritikpunkt am Schreibstil: Genau wie das behandelte Organ schlägt auch der rote Faden ab und zu ein paar heftige Kurven. Gelegentlich hatte ich beim Lesen das Gefühl, durch ein kleines Labyrinth navigiert zu werden.

    Prof. Dr. Martin Storr ist Facharzt für Innere Medizin und Gastroenterologie am Zentrum für Endoskopie in Starnberg. In seine Ratgeber fließen die Erfahrungen und Rückmeldungen aus seiner langjährigen Praxisarbeit mit Betroffenen ein. Er gilt als Experte für ganzheitliche Medizin, Ernährungstherapie und die Anwendung der Positiven Psychologie. Beim Lesen seiner authentischen Patient*innengespräche habe ich mir aufgrund des spürbar empathischen Ansatzes insgeheim gewünscht, selbst genau so einen Arzt an meiner Seite zu haben.

    Ich habe hier ein echtes Augenöffner-Buch gefunden, das mit veralteten Mythen aufräumt, aber auch zeigt, warum die Erforschung mancher Bereiche im menschlichen Körper so lange auf sich warten ließ. Zu lernen, warum das Mikrobiom eben nicht langfristig formbar ist und dass die wahre Superkraft stattdessen in einer starken Schleimschicht liegt, fand ich absolut faszinierend. Die Tools, Checklisten und Rezepte sind für mich ein genialer Bonus für den Alltag und ich werde es definitiv öfter zur Hand nehmen.

    Ein kleines Manko bleibt für mich im Gesamteindruck aber bestehen: Der Ratgeber geht im Grunde von einem weitgehend gesunden Menschen aus. Obwohl der Autor so ein tiefes Fachwissen über handfeste Erkrankungen besitzt, lassen sich die Tipps leider nicht blind auf jede*n Patient*in mit echten chronischen Beschwerden übertragen. Dass ein Buch nicht jedes individuelle Problem lösen kann, ist mir bewusst, aber ein bisschen schade fand ich diesen pauschalen Ansatz dennoch.

    Wer einen spannenden, ganzheitlichen Kompass für seine Gesundheit sucht, wird dieses Buch genau wie ich verschlingen!
    Important Trash: Islands schmutziges Geheimnis

    Halldór Armand
    Important Trash: Islands schmutziges Geheimnis (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    24.09.2026

    Alle Geschichten brauchen ihre Helden

    Im Jahr 2008 steht Island am Rande des wirtschaftlichen Zusammenbruchs: Die Banken wanken, die Börse crasht und die Gesellschaft gerät aus den Fugen. In genau dieses Chaos platziert Halldór Armands Roman seine beiden Protagonisten: den gutmütigen Müllmann Gómur Barðdal und seinen dichtenden Cousin Geir Norrðann. Als Gómur in einem Abfallcontainer eines luxuriösen Herrenhauses in Reykjavik eine abgetrennte menschliche Nase entdeckt, ergreifen sie die Initiative. Da die Polizei mit der Bewältigung der Finanzkrise völlig überlastet ist, machen sich die beiden auf die Suche nach der Besitzerin der Nase – und stolpern dabei unweigerlich in eine Verschwörung, die bis in die höchsten Kreise der isländischen Finanzelite reicht. Bald wird klar: Die Nase ist bei weitem nicht das größte Problem.

    Die Schreibweise des Autors ist flüssig und mitreißend, auch wenn die langen, klangvollen isländischen Namen anfangs eine kleine Hürde darstellen. Abgesehen davon „flog“ ich regelrecht durch die 257 Seiten. Der Titel und das Cover suggerieren einen klassischen Thriller, was mich anfangs etwas irritierte. Es ist für mich ein literarischer Roman mit satirischem Einschlag; der Kriminalfall baut sich sehr langsam auf und wird von vielen anderen Themen unterbrochen. Der Humor ist absolut schwarz, zynisch und großartig pointiert – ich musste an vielen Stellen laut lachen. Besonders beeindruckend ist, wie der Autor völlig unterschiedliche Elemente – von Giraffen und Puzzeln über Verschwörungstheorien bis hin zu Dichtkunst und der Erfindung von Bitcoin – zu einer absolut logischen Geschichte webt.

    Was das Buch besonders interessant macht, ist, wie es verschiedene Stränge offen hält und der Leser*In viel Raum für Interpretation lässt. So wird die Verbindung zwischen der modernen Incel-Szene und der isländischen Klassik aufgeworfen. Auch die „Fette-Jesus-Theorie“ wird als satirischer Spiegel geschrieben, der die Leser*In dazu anregen soll, die Grenzen zwischen Heiligkeit, Kommerz und Gesellschaftskritik selbst zu hinterfragen.

    Es gibt viele Sätze, die so pointiert sind, dass man sie gerne als „Nachdenkkarten“ ausdrucken möchte. Zitate wie die Aussage, dass „nur gelangweilte Menschen Revolutionen anzetteln“ oder dass „Wetter reine Ansichtssache ist“, bleiben lange im Gedächtnis. Die isländische Kultur und Mentalität werden dabei grandios und authentisch rübergebracht – es sind oft die kleinen Details, die die Geschichte perfekt abrunden.

    Ein absolut grandioses, unterhaltsames und intelligentes Buch von einer der schärfsten Stimmen der isländischen Literaturszene. Wer auf der Suche nach einem Thriller ist, wird hier vielleicht enttäuscht, wer aber satirische Gesellschaftskritik mit schwarzem Humor liebt, kommt hier voll auf seine Kosten.
    Updead

    der Tod
    Updead (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    22.09.2026

    Einfach nur großartig

    Eigentlich wollten der Tod und sein Team eine alte Dame abholen - aber auch ihr Nachbar reicht ihnen. Hauptsache, die Statistik stimmt. Doch ein größenwahnsinniger Tech-Milliardär hat andere Pläne: zum ersten Mal im Leben des Todes scheint Unsterblichkeit realistisch, wodurch dieser erst einmal den Abflug macht. Die KI hat aber nicht nur die Optimierung der Menschen im Sinn, sondern der ganzen Welt. Ein Wettlauf gegen bzw. um die Zeit beginnt und die alles entscheidende Frage steht im Raum: kann es einen Anfang ohne ein Ende geben?

    Der Schreibstil ist humorvoll aber die Schreibweise ändert sich regelmäßig: es gibt Prosa, Lyrik, Protokolle und Lieder. Nicht nur einmal habe ich mich beim Lesen gefragt, was beim Schreiben konsumiert wurde, da mir selbst beim Lesen schummerig wurde. Wer kommt denn auf die Idee ein Widerstandsbündnis aus Apokalyptischen Reitern, Friedhofsgärtnern, Gruftis und Aktivisten zu bauen? Immerhin ist durch die Hungersnot für Verpflegung gesorgt.

    Und trotz des oberflächlichen Klamauks geht es um wichtige Themen und große Gefühle. Diesen Spagat so hinzubekommen, ist wahrlich beeindruckend.

    Die Figuren sind skurril, aber nachvollziehbar ausgearbeitet. Selbst Personen, die erst spät auftauchen, ergänzen das Team wunderbar. Ein besonderes Highlight ist in meinen Augen der Mini-Tod. Aber auch die verschiedenen KI ergeben ein absolut rundes Bild. Falls dies ein realistisches Szenario der Zukunft wäre, so hätte ich keine Angst davor.

    Mich reizte es, ein satirisches Buch über den Tod zu lesen, aber so viel Gesellschaftskritik hatte ich nicht erwartet, wurde aber extrem positiv überrascht wie gut dies zusammenpasst. Dieser Roman unterhält nicht nur, sondern regt Zeile für Zeile zum Nachdenken an. Absolut empfehlenswert!
    Der zweite Verdächtige

    Florian Schwiecker
    Der zweite Verdächtige (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    21.09.2026

    Gänsehaut garantiert

    Im 5. Justiz-Krimi von Florian Schwiecker und Michael Tsokos steht Strafverteidiger Rocco Eberhardt vor seinem bisher rätselhaftesten Fall: Sein Mandant Jan Staiger beteuert vehement, unschuldig zu sein. Doch als ein zweites Opfer mit derselben Droge – Liquid Ecstasy – vergiftet wird, lautet die Anklage plötzlich auf Doppelmord.Sämtliche Beweise der Ermittler sprechen eine eindeutige Sprache. Kann Rocco seinem Mandanten überhaupt noch trauen? Gemeinsam mit dem Rechtsmediziner Dr. Justus Jarmer rollt er die Spuren neu auf und stößt dabei im Berliner Justizsystem auf erschreckende Abgründe aus Machtmissbrauch, Vorurteilen und Homophobie. Ein hochaktueller, authentischer Wettlauf gegen die Zeit beginnt.

    Der Schreibstil ist präzise, geradlinig und wunderbar leicht zu lesen. Die Handlung ist unheimlich rasant erzählt, was vor allem an den kurzen Kapiteln und den wechselnden Perspektiven liegt – darunter auch eine spannende Sichtweise aus der Perspektive eines „großen Unbekannten“. Dank dieser Dynamik fliegen die Seiten nur so dahin, und ich habe ertappt, wie ich abends immer noch ein oder zwei Kapitel mehr lesen wollte, als ich eigentlich geplant hatte.

    Besonders praktisch fand ich, dass jedes Kapitel konsequent mit Datum, Uhrzeit und Ort überschrieben ist, wodurch man nie die Orientierung verliert. Die Mischung aus Hochspannung, Intrigen und cleverer Justizarbeit funktioniert mal wieder auf den Punkt. Zwar verliert sich der Stil an manchen Stellen in kleinen Nebensächlichkeiten wie detaillierten Kleidungsbeschreibungen und wirkt streckenweise etwas distanziert, aber das hat dem enormen Spannungsbogen kaum geschadet. Der Fall hält durch geschickte falsche Fährten bis zum Schluss die Luft an und das Ende? Das hat mir einen echten Schauer über den Rücken gejagt und kam völlig überraschend!

    Es ist ein riesiger Gewinn für das Buch, dass hier zwei absolute Top-Experten am Werk waren. Florian Schwiecker bringt seine langjährige Erfahrung als Strafverteidiger direkt in die Handlung ein und sorgt für authentische Einblicke in das deutsche Rechtssystem. Professor Dr. Michael Tsokos steuert als Deutschlands bekannter Rechtsmediziner das forensische Fachwissen bei. Diese Kombination macht die Geschichte extrem realistisch und einzigartig. Man merkt in jeder Zeile, wie präzise hier gearbeitet wurde – die Abläufe vor Gericht und im Sektionssaal sind super genau und absolut realitätsnah dargestellt, ganz ohne den typischen „Hollywood-Effekt“. Die Autoren wollten hier aber nicht nur erstklassig unterhalten, sondern auch die Grauzonen zwischen Recht und Gerechtigkeit beleuchten, was sie meisterhaft geschafft haben.

    Mir gefallen Krimis, in denen mal nicht die klassischen Kommissarinnen und Kommissare im Fokus stehen, sondern die Ermittlungen von anderen Seiten vorangetrieben werden. Das Trio aus Rocco, Jarmer und Roccos bestem Freund Tobi ist einfach großartig. Es sind keine überzeichneten Charaktere, sondern glaubwürdige Männer mit Zweifeln, Problemen und einem echten Privatleben. Strafverteidiger Rocco Eberhardt ist ein Anwalt mit Haut und Haaren, dessen Hartnäckigkeit mich tief beeindruckt hat – er bohrt so lange, bis er die Wahrheit findet. Der analytische Rechtsmediziner Dr. Justus Jarmer steht ihm mit forensischer Expertise zur Seite; der gegenseitige Respekt der beiden ist toll spürbar. Ein echter Geniestreich ist auch die Figur des Kommissars Berger: Er war mir auf Anhieb unsympathisch, weil er getrieben von persönlichen Motiven überhaupt nicht objektiv agiert, sondern den Mandanten unbedingt hinter Gittern sehen will. Er ist jedoch so stark ausgearbeitet, dass man im Verlauf der Story fast schon Verständnis für seine Beweggründe aufbringt. Auch die restlichen Nebenfiguren wie Zeugen und die Staatsanwaltschaft wirken absolut lebendig.

    Besonders gut hat mir gefallen, dass sensible Themen wie Machtmissbrauch, bias-based Profiling und Vorurteile im Justizsystem so tiefgründig und authentisch in die Story eingebaut wurden. Es regt unheimlich zum Nachdenken an, wenn man sieht, wie leicht die Öffentlichkeit heute beeinflusst und manipuliert werden kann.

    Ein großer Pluspunkt der Reihe ist zudem, dass die Handlung häufig direkt mit einer Festnahme startet und der anschließende Strafprozess im Fokus steht. Das sorgt für eine ganz eigene, packende Dynamik.

    Aus meiner Sicht braucht man keinerlei Vorwissen aus den anderen Bänden; die Geschichte funktioniert wunderbar unabhängig, auch wenn es natürlich schön ist, die Charaktere bereits zu kennen und zu begleiten.

    Mein Fazit fällt durchweg positiv aus: „Der 2. Verdächtige“ ist ein unglaublich packender, intelligenter und realistischer Justiz-Krimi, den man einfach nicht mehr aus der Hand legen möchte. Er verbindet echte Fachexpertise mit gesellschaftlicher Relevanz und einem mitreißenden Plot. Für mich eine absolute Leseempfehlung! Umso schwerer fällt nun der Abschied: Da der fünfte Band laut Verlag das große Finale der „Eberhardt & Jarmer“-Reihe sein wird, blicke ich dem Ende dieses genialen Ermittler-Teams mit einem weinenden und einem lachenden Auge entgegen.
    Die Bluthochzeit

    Wolf Hector
    Die Bluthochzeit (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    21.09.2026

    DIe Schrecken des 30jährigen Krieges am Beispiel Magdeburgs

    Magdeburg im Schicksalsjahr 1630: Während die unerbittliche Belagerung durch die kaiserlichen Truppen droht, spaltet die ideologische Uneinigkeit die protestantische Bürgerschaft in zwei unversöhnliche Lager. Inmitten dieser politischen Ränkespiele flammt die Jugendliebe zwischen der jungen Wirtin und Witwe Teresa Werdenhagen und dem Bildhauer Caspar Ludolf Steinmann, der lange Zeit in Italien gelernt und gearbeitet hat, wieder auf. Doch das Paar gerät unweigerlich zwischen die mörderischen Fronten: Teresas Familie hofft fatalerweise auf das verspätete Eingreifen des schwedischen Königs und seiner Truppen, während Caspars Vater für die Kapitulation vor dem katholischen Feldherrn Tilly plädiert. Als die Stadt durch das Zaudern des Stadtrates unaufhaltsam auf die Katastrophe zusteuert, trifft Caspar eine folgenschwere Entscheidung. Das historische Schicksal nimmt seinen grausamen Lauf – Magdeburg geht in Flammen auf ....

    Als gebürtige Osnabrückerin (in unserer Stadt wurde durch Handschlag der 30jährige Krieg beendet) begleitet und fasziniert mich die Epoche des Dreißigjährigen Krieges bereits mein gesamtes Leben. Entsprechend hoch waren meine Erwartungen an das neue Werk von Wolf Hector – einem Großmeister seines Fachs, dessen literarisches Geschick mich schon in der Vergangenheit restlos begeistert hat. Mit „Bluthochzeit“ hat der deutsche Autor Thomas Ziebulla unter seinem Pseudonym Wolf Hector wieder einen hervorragend recherchierten Historischen Roman vorgelegt.

    Hector seziert das Trauma von Magdeburg mit einer historisch einwandfreien Präzision und verknüpft die unerbittliche Fakten mit einer berührenden Fiktion. Der Geniestreich beginnt bereits bei der Struktur: Das in drei Bücher unterteilte Gesamtwerk rollt das unaufhaltsame Verhängnis paradoxerweise von dessen Ende her auf und beginnt mit der Zerstörung der Stadt und ihrer Bewohner. Die 60 Kapitel sind mit Ort, Datum und und prägnanter Überschrift versehen. Die auktoriale Erzählperspektive bietet dem Leser einen breiten Einblick in die Geschehnisse: Diese mehrperspektivische Stilform erweist sich daher als erzählerischer Glücksfall, da sie den Leser*Innen erlaubt, das psychologische und politische Brodeln der tief gespaltenen Stadt aus der Sicht aller Akteure kennenzulernen und sich ein eigenes Bild zu verschaffen. Spannend fand ich hier auch die Episoden, die von der Seherin Editha von Lochow (die nachweislich existiert hat) in der Ich-Form erzählt wurden.

    Zugegeben: Das dichte personelle Beziehungsgeflecht forderte mich eingangs heraus. Doch dank des exzellent aufgearbeiteten Personenverzeichnisses, das historische und fiktive Personen kennzeichnet und der Zeittafel am Anfang des Buches sowie des präzisen Glossars am Ende wandelt sich diese anfängliche Komplexität schnell in höchsten Lesegenuss. Man liest sich nicht nur durch das Buch; man taucht tief in die Lebenswelt des 17. Jahrhunderts ein. Dass der Autor in einem Nachwort zeitliche Anpassungen transparent offenlegt, zeugt von seinem Feingefühl den Fakten gegenüber.

    Wirklich besonders empfand ich in diesem Roman die Symbiose aus politischem Ränkespiel und intimer Tragödie; die wiederaufflammende Jugendliebe zwischen Teresa und Caspar bildet hier eine Art emotionalen Anker inmitten des Schreckens. Wolf Hector beweist hier sein Können: Er kann auch Romantik.

    Besonders hervorheben möchte ich die Ausarbeitung der Charaktere. Neben quasi reanimierten historischen Figuren wie dem Feldherrn Tilly oder dem Domprediger Bake sind es vor allem die resilienten, starken Frauenfiguren wie Teresa und Sabina, die eine ungeheure psychologische Nahbarkeit erzeugen, mit denen ich mich leicht identifizieren konnte.

    Hector erinnert uns mit seinem Werk daran, dass Geschichte weit mehr ist als eine spröde Aneinanderreihung von Jahreszahlen und Schlachten – sie ist das Schicksal der Menschn in einer Zeit des absoluten Weltenbrandes. Der konfessionelle Antagonismus zwischen Katholiken und Lutheranern wird hier als das gezeichnet, was er leider war und auch noch ist: Ein zeitloses, destruktives Urfeuer menschlichen Unfriedens.

    Diesen grandios recherchierten, großartig erzählten und emotional erschütternder Roman aus der Zeit des 30jährigen Krieges kann ich unbedingt weiter empfehlen! Wer das schreckliche Brodeln in einer dem Untergang geweihten Stadt nicht nur lesen, sondern spüren möchte, kommt an diesem Werk nicht vorbei. Absolut meisterhaft!

    Giftiger Grund

    Thomas Knüwer
    Giftiger Grund (Buch)

    3 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern Inaktiver Stern
    20.09.2026

    Atmosphärische Milieustudie statt klassischer Hochspannung – Ein Kriminalroman der leisen Töne

    Joran, frisch aus der Jugendhaft entlassen und vom Leben schikaniert, sucht nachts am Lost Place einer verlassenen Tankstelle nach seiner alten Raubbeute – und stößt im Kanalschacht stattdessen auf die Leiche seines damaligen Komplizen Aras. Zusammen mit einem schlafwandlerischen Mädchen und einer Lost-Places-Fotografin entfaltet sich hier eine schicksalhafte, schmerzhafte Dreiecksbeziehung inmitten der Trostlosigkeit.
    Eine ehrliche Warnung an alle Adrenalin-Suchenden: Wer hier einen nervenzerfetzenden, rasanten Pageturner erwartet, wird enttäuscht werden. Das Buch wird zwar als Kriminalroman deklariert, bricht jedoch mit fast allen Konventionen des Genres. Es gibt keine klassische Ermittlungsarbeit, keine messerscharfen Polizei-Duelle und vor allem keine treibende, atemlose Spannung. Die Handlung bewegt sich eher träge vorwärts; die Bedrohung bleibt subtil und psychologischer Natur.
    Trotz dieser erzählerischen Entschleunigung besitzt der Roman einen ganz eigenen, intellektuellen Reiz. Knüwer brilliert nicht über den Plot, sondern über seine Figuren und seine Sprache. Sein Erzählstil ist bemerkenswert direkt, ungeschönt und nimmt kein Blatt vor den Mund. Durch die wechselnden Perspektiven, die zu Beginn jedes Kapitels klar deklariert sind, seziert er die Psyche von Randfiguren der Gesellschaft, die man sonst gerne übersieht.
    Gerade dieses zufällige Aufeinandertreffen von unkonventionellen, tief verwundeten Charakteren in der tiefsten deutschen Provinz gibt dem Buch eine soziologische Tiefe. Die Figuren sind vielleicht nicht durchgehend sympathisch, aber psychologisch hochgradig faszinierend. Zudem gelingt es dem Autor, trotz des ruhigen Tempos, ein paar handfeste und unvorhersehbare Wendungen einzubauen, die das narrative Gefüge geschickt aufbrechen.
    Unterm Strich ist „Giftiger Grund“ ein erschütternder Blick in die Abgründe jenseits der bürgerlichen Komfortzone. Es ist kein klassisch spannender Thriller, aber ein atmosphärisch dichtes, gut geschriebenes Drama mit kriminologischem Hintergrund. Wer Freude an tiefgründigen Charakterstudien und einer ungeschminkten Realität hat, wird hier ein durchaus lohnendes, wenn auch ruhiges Leseerlebnis finden.
    Sallys Weihnachtsbäckerei

    Saliha Özcan
    Sallys Weihnachtsbäckerei (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    20.09.2026

    Absolutes Highlight für die Adventszeit – Aber Achtung: Akute Suchtgefahr! ?

    Als treuer Fan von Sally habe ich diesem Moment entgegengefiebert: Endlich gibt es die schönste Zeit des Jahres und Sallys geniale Backideen kombiniert in einem Buch! „Sallys Weihnachtsbäckerei“ hält absolut, was es verspricht, und ist für mich schon jetzt der Star in der Küche. Das Buch ist super hochwertig verarbeitet, die Seiten sind stabil und es fühlt sich einfach toll an. Man kann es perfekt beim Backen offen liegen lassen, ohne dass es direkt knickt oder schmutzig wird – eben typisch Sally, durchdacht von vorne bis hinten.
    Aber ich muss auch eine ganz klare Warnung aussprechen: Dieses Buch ist gefährlich für die Figur und den Zeitplan! Wer hier durchblättert, verfällt sofort in einen Backrausch. Die über 50 Rezepte sehen alle so unfassbar lecker aus, dass man am liebsten alles auf einmal backen möchte. Wer also vor Weihnachten noch Diät halten will, sollte lieber einen großen Bogen um dieses Buch machen – die Verführung ist einfach zu riesig!
    Wenn man dieser süßen Gefahr erst einmal erlegen ist, macht das Nachbacken einfach nur riesigen Spaß. Das liegt vor allem an Sallys gewohnter Geling-Garantie. Die Schritt-für-Schritt-Anleitungen und die praktischen Tipps und Tricks sind so einfach und logisch erklärt, dass wirklich jedes Gebäck klappt – egal, ob man Anfänger ist oder schon länger backt.
    Besonders genial finde ich, dass Sally den Klassikern wie Vanillekipferln oder dem Frankfurter Kränzchen ihren ganz eigenen Stempel aufdrückt. Durch kleine, kreative Abwandlungen schmecken die Rezepte vertraut, haben aber das gewisse Etwas, das optisch und geschmacklich richtig was hermacht. Neben den schnellen Plätzchen für zwischendurch gibt es auch aufwendigere Projekte, die sich grandios als essbare Geschenke für die Liebsten eignen. Mein persönliches Highlight sind übrigens die festlichen Desserts – perfekt für die Feiertage!
    Dank der hilfreichen Tipps zur richtigen Aufbewahrung weiß man auch genau, wie lange die Leckereien frisch bleiben. Für mich als Fan ist dieses Buch ein absolutes Must-have und das perfekte Geschenk für alle, die Sallys Rezepte endlich gesammelt in einer wunderschönen, gedruckten Form im Regal stehen haben wollen. ?✨
    Inter alia

    Suzie Miller
    Inter alia (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    20.09.2026

    Protect Your Daughters - Educate Your Sons

    Jessica Parks führt ein Leben inter alia: Als feministische Richterin, Mutter und Partnerin balanciert sie täglich zwischen Beruf, Familie und eigenen Ansprüchen. Doch seit ihrer Beförderung bröckelt die Fassade ihrer Ehe – und die Ereignisse überschlagen sich, als ihr eigener Sohn unter dem Verdacht steht, eine junge Frau vergewaltigt zu haben.

    Suzie Millers Roman besticht durch eine flüssige, zugängliche Sprache, in der sich Fachbegriffe organisch aus dem Kontext erschließen. Die Handlung ist so mitreißend, dass ich das Buch nicht mehr aus der Hand legen konnte.

    Wie schon in ihren vorherigen Werken steht auch hier der sexuelle Missbrauch im Mittelpunkt – diesmal als fiktives Dilemma zwischen einer liebenden Mutter und ihrem frisch erwachsenen Sohn. Die Autorin, selbst mit juristischem Hintergrund, webt ihre Berufserfahrung und Menschenkenntnis meisterhaft in die Erzählung ein.

    Doch der Roman geht weit über das Gerichtsdrama hinaus: Er rückt das Leben berufstätiger Frauen in den Fokus. Neben anspruchsvollen Jobs tragen sie oft die emotionale Last anderer – sei es durch unsichtbare Care-Arbeit oder die stille Unterordnung unter traditionelle Rollenbilder. Jessica erlebt dies täglich: Ihr Mann fühlt sich durch ihre Karriere entmannt, hilft zwar im Haushalt, übersieht aber den Großteil der Verantwortung – ein realistisches Abbild vieler Familien. Umso wichtiger wird für Jessica eine Gruppe beruflich erfolgreicher Frauen, in der sie endlich abschalten kann – ein Safe Space, in dem sie nicht die perfekte Mutter, nicht die unfehlbare Richterin sein muss, sondern einfach sie selbst.

    Millers Figuren wirken durchweg authentisch, ihre Reaktionen sind so menschlich wie schmerzhaft nachvollziehbar. Dies gipfelt in der Figur von Jessica: zerrissen zwischen ihrem Gerechtigkeitsanspruch als Richterin und ihrem mütterlichen Instinkt, der ihr sagt, dass ihr Sohn unschuldig sein muss.

    Die Geschichte schockiert und regt zugleich zum Nachdenken an. Besonders eindringlich ist der Kontrast zwischen dem, was Frauen für richtig halten, und der Realität, in der (weiße) Männer oft privilegiert bleiben. Theorie und Praxis klaffen hier weit auseinander – und doch bleibt nur der Versuch, das Richtige zu tun. Der oft zitierte Satz „Erzieht eure Söhne, statt eure Töchter zu schützen“ wird in diesem Roman gnadenlos auf den Prüfstand gestellt und bekommt hier eine neue, bittere Dimension.

    Trotz der fiktiven Handlung stellt der Roman eine unausweichliche moralische Frage: Wie geht eine Mutter, eine Feministin, eine Richterin damit um, wenn sie plötzlich nicht mehr die moralische Instanz für ihren Sohn ist? Welches Herz schlägt lauter – das der Gerechtigkeit oder das der Mutter, die alles für ihr Kind tun würde?

    Millers Roman ist ein feministisches Manifest in Erzählung: Sie entlarvt die Doppelmoral einer Gesellschaft, die Frauen als Hüterinnen der Moral sieht – bis es um die eigenen Söhne geht. Die Autorin, mit langjähriger Gerichtserfahrung, zeigt schonungslos, wie Justiz und Patriarchat ineinandergreifen: Beweislücken, Vorurteile, der Druck auf das Opfer, die automatische Solidarität unter Müttern von Söhnen. Die juristische Präzision der Handlung ist atemberaubend – und die Frage, ob Jessica als Richterin oder als Mutter urteilen wird, wird zum feministischen Dilemma par excellence. Während man selbst noch mit diesen Fragen ringt, liefert das Buch einen perfekten, befriedigenden Abschluss. Millers Antwort ist kein einfaches Urteil – sondern ein literarisches Meisterwerk, das lange nachhallt.
    Die geheime Mission

    Titus Müller
    Die geheime Mission (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    20.09.2026

    Zwischen zwei Weltbildern

    Die Geschichte katapultiert uns mitten in das Berlin der Nachkriegsjahre. Der Krieg ist erst seit Kurzem vorbei, Deutschland befindet sich im kompletten Umbruch und die Stadt ist in verschiedene Besatzungszonen zerrissen. Im Verborgenen entstehen Geheimorganisationen, Spionagenetze werden aufgebaut und Menschen gnadenlos manipuliert. Mittendrin wächst die 18-jährige Nela als Tochter einer überzeugten Kommunistin in der Sowjetischen Zone auf. Ihren Vater hält sie durch die Erzählungen der Mutter für einen Nazi-Kollaborateur – bis sie sich heimlich im Westsektor mit ihm trifft. Sie erfährt die tragische Wahrheit über seine Vergangenheit und die ihrer Familie, was ihr Weltbild völlig ins Wanken bringt. Ihr Vater gesteht ihr, für die CIA zu arbeiten, und macht sie zur Kurierin zwischen Ost und West. Als sie dann in der Redaktion der »Jungen Welt« auch noch den geheimnisvollen Erik kennenlernt, der plötzlich wochenlang spurlos verschwindet, wird das Verwirrspiel perfekt. Wem kann Nela in dieser Welt aus Lügen überhaupt noch trauen?

    Der deutsche Autor Titus Müller, der sich auf historische Romane spezialisiert hat, legt mit "DIe geheime Mission" den Auftakt einer neue Reihe über eine Spionin im Kalten Krieg vor. Titus Müller, geboren 1977, studierte Literatur, Geschichtswissenschaften und Publizistik und für seine Spionageromane wird er sogar von echten Geheimdienstinsidern gefeiert.

    Der Schreibstil ist einfach meisterhaft – flüssig, emotional und absolut mitreißend. Ja, der Text ist stellenweise sehr fachbegrifflastig und setzt ein gewisses Grundwissen voraus, weshalb ich mich beim Lesen sehr konzentrieren musste. Doch diese kleinen Hürden ließen sich durch kurze Recherchen schnell beheben und haben dem Lesespaß keinen Abbruch getan. Ein absolutes Highlight sind die genialen Perspektivwechsel: Ob Piloten, Nela oder ihre Eltern – durch die verschiedenen Sichtweisen entsteht ein großartiger Rundumblick auf das geteilte Berlin. Beide Seiten dürfen ungeschönt zu Wort kommen und fügen sich zu einem perfekten, runden Gesamtbild zusammen, was ich durchaus als außergeöhnlich ansehe, da in Büchern meist nur eine Seite dargestellt wird.

    Ich habe selbst das Ende des Kalten Krieges und den Mauerfall - zwar als junge Erwachsene - bewusst miterlebt, doch wenn ich an meinen Geschichtsunterricht oder den meiner Tochter zurückdenke, ging es dort fast ausschließlich um die Nazizeit. Die Jahre direkt nach dem Krieg, die eigentliche Entstehung der Teilung und die dramatischen Anfänge des Kalten Krieges wurden in der Schule oft nur im Schnelldurchlauf abgehandelt.

    Dass die Recherche hier so genial ist, merkt man dem Roman in wirklich jeder einzelnen Zeile an. Genau durch dieses fundierte Wissen entfaltet das Buch eine ganz besondere Kraft. Was mich an der Geschichte am tiefsten bewegt hat, ist die übergeordnete Intention, die Titus Müller hier transportiert. Es ist weit mehr als nur ein historischer Spionageroman – es ist ein eindringliches Plädoyer für das Hinterfragen von Ideologien und vermeintlichen Wahrheiten. Durch Nelas Augen erleben wir, wie gefährlich es ist, die Welt nur in Schwarz und Weiß, in Gut und Böse aufzuteilen. Der Roman zeigt schonungslos, wie Systeme Menschen manipulieren und wie schnell man zwischen die Fronten gerät, wenn man beginnt, selbstständig zu denken. Die Geschichte will uns vor Augen führen, dass hinter politischen Mauern und Systemen immer menschliche Schicksale stecken. Sie fordert uns dazu auf, Empathie für beide Seiten zu entwickeln und den Mut zu haben, die eigene Komfortzone der vertrauten Meinungen zu verlassen – ein Thema, das aktueller nicht sein könnte.

    Titus Müller hat hier Charaktere geschaffen, die so lebendig und tiefgründig gezeichnet sind, dass man einfach bedingungslos mit ihnen mitfühlen muss. Nela wirkte auf mich zu Beginn zwar noch etwas naiv, entwickelt sich aber im Laufe der packenden Handlung rasant zu einer bewundernswert starken und selbstbewussten Frau. Ihre Eltern, Ingwelde und Gerhard, stehen symblisch für die unversöhnlichen Welten von Ost und West. Beide glauben felsenfest an ihre jeweilige Zukunftsvision: Die Mutter ist tief vom sozialistischen System überzeugt, während der Vater sich im Geheimen mutig dagegen auflehnt. Diese Zerrissenheit der Familie spiegelt perfekt die Zerrissenheit des ganzen Landes wider. Und Erik bringt neben all den politischen Intrigen auch noch eine wunderschöne, feine Note Romantik in die Geschichte, die mein Herz erwärmt hat.

    Für mich war das Buch ein echter Titus Müller, der mich von der ersten bis zur letzten Seite völlig gefesselt und atemlos zurückgelassen hat! Der Autor schildert den Aufbau der Berliner Luftbrücke so unglaublich bildhaft und atmosphärisch, dass ich das Gefühl hatte, die Flugzeuge über mir hören zu können. Es ist faszinierend und packend zu sehen, wie beide Seiten versuchen, die Menschen für ihre jeweilige Ideologie zu gewinnen.

    Ein absolut grandioser, hochspannender und exzellent recherchierter historischer Roman! Er hat mich nicht nur tief berührt und gefesselt, sondern mein geschichtliches Wissen auf eine lebendige Weise erweitert. Ein absolutes Lese-Highlight!
    Das Tarot Café

    Moon Hye Joung
    Das Tarot Café (Buch)

    4 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern
    20.09.2026

    Tarot als Reflexionswerkzeug, das heilen lässt

    Seryeon hatte eine sehr unglückliche Kindheit, in der sie ihre Geschwister versorgen musste; nach einigen abgelehnten Texten hat sie, trotz eines Literaturstudiums, ihren Traum, Schriftstellerin zu werden, zur Seite geschoben und schlägt sich mit zahlreichen Nebenjobs durch. In einem kleinen Café in Seoul legt sie Tarotkarten für unterschiedliche Menschen und hilft ihnen mit ihrem Rat. Als ihre Freundin Yunha ihr einen Job vermittelt, in dem sie mit dem Webtoon-Artisten Jinju zusammenarbeitet, beginnt sich ihr Leben nach und nach zu verändern ….

    Da ich noch nie einen Roman aus dem Genre der „Healing Fiction“ gelesen habe, war ich sehr gespannt auf „Das Tarot Café“ der südkoreanischen Autorin Moon Hye Joung, in dem diese das Trend-Thema „Tarot“ aufgreift und ihre Leser*Innen ganz nebenbei in diese Kunst einführt.

    Beeindruckt hat mich hierbei, das die Autorin Tarot nicht als faulen Zauber darstellt und mystische Wahrsagerei, sondern unbewusste die Gedanken sichtbar macht und als inneren Spiegel der Ratsuchenden zeigt. So ist zu lesen, wie Seryeon genau beobachtet, sensibel nachfragt und kluge Gedankenanstöße verteilt. Und bei genau dieser Tätigkeit erkennt sie sich auch immer mehr selbst, lernt daraus und wächst schließlich daran.

    Im Mittelpunkt dieses Romans steht eindeutig die Hauptfigur Seryeon, die sehr einfühlsam mehrdimensional geschildert wird und die sich extrem entwickelt im Laufe der Geschichte. Auch ihr Umfeld, ihr Exfreund Yunju, ihre einzige Freundin Yunha, der Künstler Jinju und die Cafébesitzerin (die im ganzen Buch übrigens namenlos bleibt) ist kompliziert - und die weiteren Figuren spielen nur eine kleine Rolle, wenn sie Sereyons Leben als Tarotleserin berühren.
    Über Südkorea selbst konnte ich leider nichts aus dieser Geschichte erfahren, aber das ist ja auch nicht die Intention des Buches, wäre nur eine nette Ergänzung gewesen.

    Die Autorin schreibt mit leichter Hand in einem gut zu lesenden Erzählstil. Spannung sucht man hier vergebens; Moon Hye Joung erzählt langsam und unaufgeregt mit einem leicht melancholischen Unterton. Trotzdem konnte mich der Roman in seinen Bann ziehen und eine schöne Atmosphäre schaffen.

    Hierzu passt auch die wunderschöne Aufmachung des Buches: Die Kapitelüberschriften sind jeweils mit grafischen Elementen geschmückt, was die Kreativität Sereyons unterstreicht, und jedes Kapitel ist mit der Zeichnung einer Tarotkarte (einschließlich ihres Namens und einer kurzen Beschreibung ihrer Bedeutung) abgeschlossen, die sich inhaltlich auf das zugehörige Kapitel bezieht. So lernen wir 28 Karten aus der kleinen und großen Arkana in ihrer Anwendung kennen.

    Wichtig ist auch anzumerken, dass die vergangene Beziehung zu Sereyons Exfreund Yunju und die sich langsam anbahnende zu dem unkonventionellen Zeichner Jinju authentisch und glaubhaft dargestellt wird, wobei eher auf die Hintergründe eingegangen wird als dass es sich um einen Liebesroman handelt.

    Mir hat dieser Roman sehr gefallen, der die Entwicklungspsychologie seiner Hauptfigur mit einer zwar emotionalen, aber klaren Darstellung des Tarot als strukturiertes Reflexionswerkzeug höchst unterhaltsam und cosy erzählt und auch Lust macht, tiefer in die Materie einzusteigen.
    Die Zeit der Alchemisten

    Kit Chapman
    Die Zeit der Alchemisten (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    17.09.2026

    Die wahren Alchemisten verwandeln Blei nicht in Gold; sie verwandeln die Welt in Worte

    Chemie kann wie Magie wirken, da sie durch Reaktionen neuer Stoffe überraschende Effekte erzeugt, die oft unerklärlich scheinen. Doch Chemie ist keine neue Erfindung und wie viel Magie steckt wirklich in ihr? Welche Irrungen und Wirrungen gab es in der Geschichte der Menschen im Umgang mit magischen Reaktionen und deren Produkten? "Die Zeit der Alchimisten" beschäftigt sich mit den bekannten ältesten Überresten der Alchemie und wie viel mehr diese zu bieten hatte als Aberglaube und Scharlatanerie.

    Handelt es sich hier um ein Chemiebuch, ein Geschichtsbuch, eine Reiseerzählung oder gar etwas komplett anderes? Ich würde behaupten, dass „Die Zeit der Alchimisten“ all das verbindet - und doch viel mehr ist. Die Schreibweise ist humorvoll, überraschend und lehrreich zugleich. Manche Zusammenhänge hätte ich in der Form niemals kommen sehen.

    Der Autor Kit Chapman nimmt uns Lesende mit auf eine Reise durch Zeit und Raum. Dabei reist er an die Schauplätze, an denen viel Alchemie praktiziert wurde und stellt damit rein plastisch schon die Widersprüchlichkeit des Menschen dar, denn heute sehen diese berühmten oder zumindest wichtigen Orte ganz anders aus, als zu ihren alchemistischen Prunkzeiten.

    Kernelement der umfassenden Kapitel sind einzelne Menschen ihrer Zeit – natürlich interpretieren und sehen wir heute die Dinge anders, aber wir leben auch mit vollkommen anderen Hintergründen und Möglichkeiten. Dies macht diese Wissensreise für mich noch viel eindrücklicher, denn es stehen echte Menschen hinter den Vorgängen, die in ihrer Zeit oder Umgebung oft weiter waren und dafür nicht immer, aber immerhin öfter geschätzt wurden und sich perfekt an ihre Lebensumstände angepasst hatten. Ich empfinde zugleich Demut und Ärger gegenüber Geschehnissen, die (oft aus nachvollziehbaren Gründen) geschahen, die aber viel Wissen verloren gingen ließen.

    Interessanterweise zeigt sich, dass Alchemie keine rein männliche Wissenschaft war und viele Frauen einen großen Anteil an ihrer Weiterentwicklung hatten. Sie wurden respektiert und als Gleichberechtigte behandelt.

    Mir fällt es schwer, Highlights aus dem Buch zu nennen, da es in sich ein komplettes Highlight ist. Selten wollte ich so viele Passagen teilen, um sie zu besprechen - oder einfach nur das Wissen zu teilen. Auch, wenn ich den Spruch albern finde, passt er hier: Lauft nicht, rennt zur nächsten Buchhandlung und holt euch dieses Buch! Lest es, verschenkt es und habt einfach Freude daran!
    The Taste of Christmas

    Julia Schuck
    The Taste of Christmas (Buch)

    4 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern
    17.09.2026

    Wundervolle Cozy Romance zum Einkuscheln!

    Jonas Keidler ist die Gelassenheit in Person: Nichts bringt ihn aus der Ruhe, und statt alles zu verkopfen, geht er die Dinge lieber locker an. Damit ist er das absolute Gegenteil zu Lauren Wagenthal, der neuen Chefin der familieneigenen Plätzchenmanufaktur – ein Sinbild von Tradition und Beständigkeit. Und doch sprühen zwischen ihnen die Funken – auch wenn ihr erster Beziehungsversuch vor fünf Jahren scheiterte.

    Der Schreibstil ist wunderbar flüssig und zieht einen sofort in die Geschichte. Erzählt wird abwechselnd aus den Perspektiven von Lauren und Jonas. Die geschickt eingewobenen Rückblicke in die Vergangenheit sorgen dafür, dass man die beiden Hauptfiguren mit all ihren Stärken und Schwächen tiefgründig kennenlernt.

    Lauren hat es nicht leicht: Sie leidet unter ihrer zerrütteten Familie und einem Vater, der ihr die geschäftliche Generationsübergabe extrem erschwert. Für sie bedeutete Weihnachten bisher immer nur pure Arbeit. Die einzige Ausnahme war ein Weihnachtsfest vor fünf Jahren – das ihr im Nachhinein jedoch einen ziemlichen Stich versetzt hat.

    Jonas bildet dazu den perfekten Kontrast: Er ist ein absoluter Weihnachts- und Zimtfan mit einer großen, intakten Familie. Während Lauren extrem zielstrebig ist und alles für ihren Traum gibt, ist Jonas ein charmanter Träumer, der seinen ganz eigenen Wünschen folgt. Seine verträumte Art macht es mir nicht leicht, ihn ins Herz zu schließen – aber Lauren beweist hier zum Glück ein größeres Herz als ich ;) Laurens persönliche Weiterentwicklung hat mir jedenfalls unglaublich gut gefallen.

    Die Annäherung der beiden ist, genau wie die gesamte Atmosphäre des Buches, einfach herrlich cozy. Einzig Laurens Vater gibt sich anfangs als echter Grinch. Die Autorin Julia Schuck schafft es meisterhaft, den wahren Geist der Weihnacht einzufangen, und verwebt Themen wie Tradition, Familie, Zusammenhalt, zweite Chancen, Liebe und Freundschaft zu einer berührenden Geschichte. Bei so viel Plätzchenduft und Vorweihnachtszauber hätte ich mir am Ende des Buches glatt noch das eine oder andere Rezept gewünscht!

    Fazit: Ein absolut gemütlicher Roman! Perfekt, um sich mit einer Decke, einer heißen Tasse Tee oder Punsch und ein paar Plätzchen einzukuscheln und sich auf die magische Zeit des Jahres einzustimmen.
    German Glück

    Simon Urban
    German Glück (Buch)

    4 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern
    17.09.2026

    Eine Gesellschaftsstudie in sieben Facetten

    !n der mecklenburgischen Provinz thront das „Eden“ – ein Luxusresort, dessen makellose Fassade bereits bröckelt. Nicht nur wirtschaftliche und organisatorische Mängel, sondern auch der schleichende Verfall der Zeit zeugen vom Niedergang. Auch der Mutterkonzern will sich des deutschen Standorts entledigen. Doch hinter den glatten Oberflächen der Gäste und Mitarbeitenden verbergen sich Abgründe, die weit über das Offensichtliche hinausgehen. Hier formiert sich eine Schicksalgemeinschaft am Rande des Kollapses, in der die Selbstzerstörung mitunter als einziger Ausweg erscheint.

    Der Roman entfaltet sich aus den Blickwinkeln von sieben Hauptfiguren: die Hotelmanagerin, ihre Assistentin, ein ukrainischer Flüchtling, der im Hotel angestellt ist, ein Zwillingspaar, das von der mütterlichen Rente lebt, eine Comedienne, ein Tabakmanager, der seine Frau an den Klimaaktivismus verloren hat und ein weiterer Herr. Ihre Schicksale, Motive und Hintergründe werden zu einem Spiegelbild unserer Gesellschaft – oder vielmehr: zu einem verzerrten Abbild, das bei mir Unbehagen auslöst. Wenn die erzählten Straftaten tatsächlich als gesellschaftstypisch gelten sollen, bleibt ein bitterer Nachgeschmack.

    „German Glück“ wird zwar mit beißendem Humor beworben, doch dieser Einschätzung kann ich mich nicht anschließen. Die meisten Schicksale lesen sich eher wie eine Abfolge von Tragödien. Allerdings muss man konstatieren: Der zeitliche Abstand zwischen Veröffentlichung und Handlung macht dem Autoren Simon Urban einen Strich durch die Rechnung, denn die Deutschen sind ja bekannterweise doch nicht so gut in der Rettung eines halbtoten Wals.

    Faszinierend sind die Verflechtungen zwischen den Figuren. Trotz des vorherrschenden älteren Publikums im Hotel sind die Geschichten und Charaktere vielfältig. Immer wieder werden Vergleiche zwischen „damals“ und „heute“ gezogen – sei es in beruflicher Hinsicht, wo Jobchancen früher größer waren und heute durch KI ersetzt werden (aus Sicht des Autors), oder im Bereich des Humors, der damals noch Freiräume hatte, die heute undenkbar wären. Auch die DDR-Vergangenheit der Region und einiger Figuren bleibt nicht unberücksichtigt.

    Der Titel des Buches findet im Roman seine Deutung: Ein ukrainischer Flüchtling stellt fest, dass das Unglück deutsch sei – und die Deutschen daher unglücklich. Eine These, die im Buch immer wieder untermauert wird und die bei mir den Impuls weckt, sie gerade nicht zu übernehmen.

    Trotz aller inhaltlichen Schwere besticht der Schreibstil: prägnant, wortgewandt und von einer Bildhaftigkeit, die Orte und Speisen lebendig vor dem inneren Auge erstehen lässt. Nur beim Long Island Iced Tea bleibt die Frage: Was hat der Barkeeper hier falsch gemacht?

    Ein herausragender Roman mit einer scharfsinnigen Gesellschaftskritik, prägnanten Schreibstil und lebendige Charaktere, der jedoch starke Nerven erfordert. Grundkenntnisse der englischen Sprache sind von Vorteil, da einige Dialoge auf Englisch geführt werden.
    Zweifelssohn

    Max Czollek
    Zweifelssohn (Buch)

    4 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern
    17.09.2026

    Der Prophet als Reisender: Eine Kritik der Gegenwart

    Der Protagonist begibt sich auf eine Reise – von Wien durch die Weiten deutscher Städte bis hinauf nach Rügen. Doch es ist keine Flucht zu etwas, sondern eine Flucht vor der Welt. Doch wer ist dieser Reisende? Ein Exzentriker? Ein visionäres Genie? Oder gar ein Prophet unserer Zeit? Fest steht: Er sieht Dinge, die anderen verborgen bleiben – ein Phänomen, das er selbst als „Jeremiasyndrom“ bezeichnet. Vorgestellt wird uns Zweifelssohn, eine Figur, die an den jüdischen Aufklärer Mendelssohn erinnert, doch durchzogen von existenziellen Zweifeln.

    Stilistische Ambiguität als Spiegel der Moderne

    Die Erzählweise ist unkonventionell, fast schon subversiv – sie oszilliert zwischen Fiebertraum und klarer Analyse. Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft: Sind es Erinnerungen, Reflexionen oder gar prophetische Visionen? Dazwischen finden sich isolierte Kapitel, in denen Dialoge in staccatoartiger Bulletpoint-Form präsentiert werden. Und doch: Die Sprache ist lebendig, bisweilen von poetischer Schönheit – wie ein Gedankentöpfer, der die Leser*innen in seinen Bann zieht. Besonders gelungen sind die popkulturellen Referenzen sowie die scharfsinnige Gesellschaftskritik, die sich wie ein roter Faden durch das Werk ziehen.

    Einsamkeit als existenzielle Frage

    Zweifelssohn war vor seiner Reise nicht allein – doch ob er es währenddessen ist, bleibt eine offene Frage. Eine rauchende Hannah Arendt, so könnte man spekulieren, würde dieser These widersprechen. Faszinierend ist, wie es dem Autor gelingt, auf einer einzigen Reise eine Fülle von Themen zu verdichten: berührend, wahr, mitunter auch verwirrend. Dieses Buch wird mich noch lange beschäftigen. Es ist ein Spiegelbild unserer Zeit – einer Ära, die von Sorgen, Zweifeln und existenzieller Unruhe geprägt ist.

    Die Frage nach der Rolle des Individuums

    Ob man stiller Zeitzeuge sein möchte, Prophet oder aktiv Gestalter*innen des Geschehens – am Ende sind wir alle gefangen in einem Leben, dem unweigerlich andere vorangegangen sind und dem möglicherweise weitere folgen werden.
    Kurzer Prozess

    Edith Löhle
    Kurzer Prozess (Buch)

    4 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern
    17.09.2026

    Moral predigen ist leicht, Moral begründen schwer.

    Rassismus, Sexismus und Bodyshaming waren völlig normal in Film und Fernsehen – doch heute stehen unsere Kindheitshelden vor Gericht und müssen vor dem Internationalen Moralgerichtshof Rechenschaft ablegen für Werte, deren Langzeitfolgen bei uns heute offen zutage treten: Minderwertigkeitskomplexe, toxische Schönheitsideale, verzerrte Liebesbilder. Case closed – aber was ist die Moral der Geschichte?

    Selten habe ich ein Buch aus so vielen verschiedenen Perspektiven gelesen. Dabei gibt es die Haupterzähler*Innen wie Reha als Chefanklägerin oder Lexi, die als Reporterin groß rauskommen will, aber auch Einzelstimmen der Kindheitsikonen. Es gibt Fakten, abstruse Szenen und einiges aus den Verhandlungen – dabei suchte ich beim Lesen manchmal den roten Faden. Bei der Vielzahl der Figuren war es schwer, wirklich Bindung aufzubauen. Selbstverständlich haben diese – wie auch unsere Ikonen – Fehler und Schwächen, doch im Gegensatz zu den Ikonen weiß ich viel zu wenig über sie. Allerdings kann ich sagen, dass Aladin mich sehr positiv überrascht hat.

    Sprachlich gefiel mir der Text sehr gut – besonders kleine Highlights wie Saubermaus-Image rundeten für mich die Geschichte ab.

    „Kurzer Prozess“ - der Name, der Programm für das Buch ist, ist eine Satire und ein wildes Zusammenspiel verschiedenster Figuren, Meinungen und Zielen, die versuchen, Moral zu definieren. Auch aus meinem Alltag kenne ich die angesprochenen Probleme, beispielsweise bei der Frage, ob man die „Feuerzangenbowle“ oder alte Disney-Filme noch schauen darf. Selbstverständlich ist der historische Kontext keine Entschuldigung, für mich, aber durchaus ein Zeugnis dessen, was wir heute (hoffentlich) nicht mehr so sehen. Rehas Vater fasst es ganz gut zusammen: „Man verliert nie, mal gewinnt man und mal lernt man.“

    Insgesamt ein unterhaltsames Buch mit einem extrem wichtigen Thema, allerdings mit kleinen Schwächen. Und eines bleibt: Moral ist nicht einklagbar, sondern etwas, an dem wir alle als Gesellschaft arbeiten müssen.
    Die Zukunft der Männer. Eine Generation zwischen Wut und Utopie

    Tristan Horx
    Die Zukunft der Männer. Eine Generation zwischen Wut und Utopie (Buch)

    4 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern
    14.09.2026

    Nun wohl, nun seht, dass ihr euch lieb behaltet

    Vor 12.000 Jahren begann das Patriachat, heute bröckelt es, da Männer schlechtere Schulabschlüsse machen und Frauen ihnen gegenüber den Vorteil der Empathie haben. Und auch im Miteinander der Geschlechter werden Ansprüche laut, die keine Partei scheinbar gewillt ist, zu erfüllen und es scheint, als könnten Frauen ganz gut ohne Männer leben, was diese massiv unter Druck setzt. Dadurch flüchten sich immer mehr Männer in Hass, rechte Ideologien oder Gewalt und werden dadurch unattraktiver, während Frauen immer liberaler werden – ein Teufelskreis!
    Zukunftsforscher Tristan Horx analysiert diese männliche Identitätskrise und das Scheitern alter Rollenbilder. Seine Vision ist die »Mutual Liberation« – eine gemeinsame Befreiung aus digitalen Blasen und Konflikten.

    Die Schreibweise ist sehr leicht verständlich und teilweise dadurch schon etwas grob. Es stellt sich mir die Frage, ob das bewusst einem bestimmten Publikum angepasst sein soll.

    Das Buch unterteilt sich in die Abschnitte Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Hier werden viele wichtige Punkte kurz auf den Punkt gebracht und manch andere ausgespart. Auch bei anderen Aspekten hatte ich manchmal Fragezeichen im Kopf, denn beispielsweise fehlte mir der oft angesprochene Zyklus bei der Rollenverteilung. Im Gegensatz dazu werden auch weitere wichtige gesellschaftliche Themen angesprochen, denn durch die sich perfektionierende KI lernt der Mensch immer weniger Widersprüche auszuhalten und Kompromisse einzugehen, was den ganzen Prozess noch schwieriger macht. Schon das Tierreich zeigt, dass Kooperation das A und O ist. Aber auch andere Themen, wie beispielsweise Daytrading, werden kurz und knapp erklärt.

    Für mich besonders interessant (da von einem Zukunftsforscher geschrieben) empfand ich den Zukunftsteil. Hier werden verschiedene Szenarien vorgestellt und das aus Sicht des Autors beste Szenario wird mit Tipps untermalt, wie dieses zu erreichen ist.

    Erinnert haben mich hier einige Passagen an ein Buch von Alice Schwarzer „Die Antwort“, die eben auch die biologischen Unterschiede von Männern und Frauen darstellt und wie man aus ihnen ein gutes Miteinander schaffen kann – auch sie kommt darin zu dem Schluss, dass dogmatische Tabus aufgelöst werden müssen.

    Insgesamt ein gutes und prägnantes Buch, was aus meiner Sicht an einigen Stellen aber ein bisschen zu eindringlich ist.
    Masterminds, Band 1 - Der Darknet-Köder

    Chris Morton
    Masterminds, Band 1 - Der Darknet-Köder (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    14.09.2026

    Spannender Heist Thriller

    Bei einem Verkehrunfall hat der 17jährige Julius seine Eltern verloren und laboriert immer noch an den schwerwiegenden Folgen. Als er entdeckt, dass sein Onkel und Vormund Randolf nicht nur in dubiose Geschäfte verwickelt ist und Gelder aus der von seinen Eltern gegründeten Firma und der Stiftung veruntreut, sondern Julius sogar umbringen lassen will, um sich an seinem Erbe zu bereichern, beschließt der hochintelligente Justus die Machenschaften seines Onkels aufzudecken. ZUsammen mit seinem Bodyguard Parker und einem Rätselköder im Darknet rekruiert er den Meisterdieb Jay únd die Hackerin Kikki; zusammen mit seiner Cousine, der Comtesse Fifi sind sie die "Masterminds", die für GErechtigkeit sorgen wollen ...

    Der deutsche Autor und Übersetzer Christian Dreller hat bereits einige Action-Thriller veröffentlich und legt nun unter dem Psyeudonym Chris Morton mit "Mastermind - Der Darknet-Köder" den Auftakt zu einer neuen Heist-Thriller-Reihe vor. Dabei ist Gewalt auf ein absolutes Minimum beschränkt, es zählen vielmehr Köpfchen und ausgeklügelte Abläufe.

    Im "Darknet-Köder" erzählt Chris Morton von der Vorbereitung und Durchführung einer spektakulären Aktion; durch unerwartete Wendungen und Pläne, die schief gehen, wird viel Spannung erzeugt. Berichtet wird dabei überwiegend aus Justus' Sicht, aber auch der anderen Masterminds, die die Leser*Innen so nach und nach immer besser kennen lernen. Auch die unterschiedlichen Zeitebenen erhöhen die Spannung; wobei das "Jetzt" und die WEchsel zu vorangegangenen Zeiten in den Überschriften sehr gut gekennzeichnet sind. DIe Aufteilung des Buches in die zwei Teile "WarmUp" und "Endgame" und die kurzen, rasant erzählten Kapitel passen perfekt zum Thema.
    Anmerken möchte ich an dieser Stelle, dass auch die technischen Informationen sehr gut verständlich waren.

    Das Alter der Figuren (zwischen 16 und 23) und die Kernthemen lassen die "Masterminds" in das Genre des "New Adult" einreihen; meiner Meinung nach lässt sich das Buch auch mit Vergnügen von älteren Leser*Innen verschlingen.
    Die Figuren sind mehrdimendional und mit Liebe zum Detail angelegt, durchaus sympathisch und mit kleinen Fehlern behaftet, was sie authentisch wirken lässt. Teilweise kommt sogar etwas Humor ins Spiel.

    Die Themen "Gier", "Pharma-Skandale", das "Hacken" und vor allem "Gerechtigkeit" sind hochaktuell und passen gut zu den dargestellten Figuren und dem Genre.

    Mir hat "Masterminds - Der Darknet-Köder" großes Lesevergnügen bereitet und ich freue mich schon sehr auf die Fortsetzung "Masterminds 2 - Der Insider-Job", der im Februar 2027 erscheinen soll - insbesondere, da es im vorliegenden Band einen kleinen Cliffhanger am Ende gibt.
    Jagdfieber

    Yngra Wieland
    Jagdfieber (Buch)

    4 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern
    07.09.2026

    Der Verfall einer Familie

    Ein bekannter Schönheitschirurg stirbt in einem heftigen Autounfall. Eine junge Frau läuft nach der ersten Therapiesitzung bei Salome Liebeskind vor ein Auto, um ihrer kaputten Familie zu entfliehen. Salome beginnt – sehr zum Missfallen der örtlichen Polizei – zu ermitteln und je mehr sie erfährt, desto verworrener werden die Stränge.

    Die deutsche Autorin Yngra Wieland ist selbständige Heilpraktikerin für Psychotherapie und legt mit „Jagdfieber“ nun den zweiten Band um die sympathische Psychologin Salome Liebeskind vor.

    Die Schreibweise ist flüssig und leicht zu lesen – mit Ausnahme der bayrischen Dialoge. Die Fachbegriffe werden meist mehrmals erklärt und sind gut in den Kontext gesetzt. Es wird zwar des öfteren Bezug auf Band 1 genommen, aber Vorkenntnisse sind nicht erforderlich.

    Mir hat der psychologische Fokus auf den Fall sehr gut gefallen; das Gesamtbild ist absolut stimmig und es erfüllte mich mit Freude, die Puzzlestücke schneller zusammengesetzt zu haben als die polizeilichen Ermittler oder Salome selbst. Yngra Wieland schafft es in diesem Kriminalfall, den Verfall von Familien sehr einprägsam zu schildern. Die Autorin ist einfach vom Fach und legt besonderen Wert auf ihre gut gezeichneten Figuren und deren Entwicklungen.

    Besonders mitgefiebert habe ich mit Salome; und daher freut mich das Ende des Buches sehr für sie. Derselbe polizeiliche Ermittler kam bereits schon im ersten Band vor; auch ihn und seine Probleme lernt man in diesem Krimi sehr ausführlich kennen. Etwas utopisch fand ich allerdings die geschilderte Frauenfreundschaft zwischen Tochter und Stiefmutter – aber gemeinsames Trauma verbindet wohl.

    Ein kleiner Wermutstropfen ist leider doch festzustellen: Was mir jedoch gar nicht gefallen hat und auch nicht wirklich genügend ausgearbeitet wurde, war die Nebengeschichte, die zum Selbstmord einer Influencerin führte.

    Ein sehr unterhaltsamer Krimi mit kleinem Abzug, den ich gerne weiterempfehle.
    Hummerjahre

    Beatrix Gerstberger
    Hummerjahre (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    07.09.2026

    Fulminante Fortsetzung einer wunderschönen Geschichte

    SIebzehn Jahre ist es her, seit Mina mit ihrer Tochter Luca und ihrem jetzigen Ehemann Carlos nach Seattle gezogen ist, nun kehrt sie zusammen mit ihrer Tochter, ihrem todkranken Vater Richard und ihrer Mutter JUdith zurück nach Eagle Island, wo sie auf Lucas Vater Sam trifft und vor einer Entscheidung steht. Auch für Judith bringt diese Reise Erinnerungen und Schuldgefühle zurück, denn ihre Handlungen damals haben das Leben ihres Sohnes zerstört, der mitschuldig an Ellis und Janes Sohn Jack war, der wiederum deren Ehe auseinanderbrachte. Und nicht zuletzt ist da auch Julie, Minas ZIehoma, die den Verlust ihres Mannes und ihrer besten Freundin Ann betrauert.....

    Nach ihrem fulminanten Romandebüt "Die Hummerfrauen" legt die Journalistin und nunmehr Bestseller-Autorin Beatrix Gerstberger nun den Nachfolgeband "Hummerjahre" vor. Obwohl es viele Rückblicke und Erinnerungen gibt, kann ich mir gut vorstellen, dass der volle Lesegenuss nur entsteht, wenn der erste Band bekannt ist.

    Gerstberger erzählt bildhaft und höchst einfühlsam und wechselt dabei regelmäßig die Perspektive zwischen ihren Hauptfiguren (als personale Erzählerin); ebenso wechselt sie auch die Zeiten und nimmt ihre Leser*Innen mit in die Vergangenheit. Die Wechsel sind klar gekennzeichnet und gut nachvollziehbar, so dass stets die Ordnung bleibt. Gerade durch diese Rückblicke werden Zusammenhänge geklärt, die im ersten Band noch in der Schwebe blieben, wie zum Beispiel Anns Vergangenheit und Trennung von ihrer großen Liebe Carolyn.

    Die Autorin nimmt sich Zeit für ihre Schilderungen und setzt nicht auf schnelle Schnitte und künstliches Drama, was absolut zum THema passt.Und ihre Botschaft dabei ist eindeutig: der Wert von Freundschaft und LIebe und der Vergebung von Schuld.

    Beatrix Gerstberger hat selbst einige Monate in einem Fischerdorf an der Ostküste der USA unter Hummerfischern gelebt und ist mit ihnen auf Fang gefahren. Das wir deutlich daran, wie intensiv und sensibel sie von der harten körperlichen Arbeit der Fischern schreibt und ihrer ausgeprägten Gemeinschaft.

    Während es in den "Hummerfrauen" in erster Linie um Freundschaft ging, wechselt Gerstberger hier nun langsam immer mehr zum Thema "LIebe". Mina, die sich zwischen zwei Männern entscheiden muss, dem verlässlichen, ruhigen Carlos und dem impulsiven Sam, für den sie mehr Leidenschaft verspürt, der sie aber auch immer mehr zerrießt. Judith, deren Liebe zu ihrem Mann Richard und ihrer Tochter Mina erst jetzt wirklich zu erkennen ist. Ellis, der immer nur eine Frau geliebt hat und diese von Herzen zurücksehnt. Und schließlich Julie, die ohne ihren Mann Nat und ihre beste Freundin Ann verloren scheint und ihren Platz neu sucht. Zuletzt Ann, deren verlorene Liebe Carolyn endlich thematisiert wird. Dabei schreibt die Autorin empathisch und liebevoll, aber auch melancholisch.

    Ihre Figuren sind mehrdimensional und mit viel Herz ausgearbeitet; ich habe es genossen, mit ihnen mitzulieben und mitzuleiden. Sehnsüchte nicht nur der Liebenden, sondern auch die vielfältigen Verlangen der vielen unterschiedlichen Bewohner von Maine sind aus dem Leben gegriffen und ich bin sicher, dass sich jede*r in ihnen wiederfindet. Beeindruckt hat mich bei der Lektüre, dass Gerstberger nicht wertet und keine ihrer Figuren verurteilt, auch, wenn diese durchaus schlechte Eigenschaften zeigen.

    Die immer wieder eingestreuten "Lebensweisheiten" (meine liebste ist: "Oft entscheiden wir nicht zwischen Richtig und Falsch, sondern zwischen zwei Versionen von Verlust. Wenn wir bleiben, verlieren wir etwas. Wenn wir gehen, auch. Jede Entscheidung schließt eine Tür, und deshalb fühlen sich selbst gute Entscheidungen manchmal traurig an.") klingen niemals plakativ oder billig, sondern passen perfekt zu den Figuren und der Handlung.

    Nicht vergessen möchte ich an dieser Stelle auch das Wiedersehen mit dem blauen Hummer Mr. Darcy, der zu guter Letzt seine Aufgabe erfüllt und sich im Hummerballett eingliedert.

    Meiner Meinung nach hat Beatrix Gerstberger sich mit ihrem zweiten Roman "Hummerjahre" noch einmal gesteigert. Mich hat dieser höchst atmosphärische Roman sehr berührt und ich empfehle ihn absolut weiter.
    Schön. Reich. Tot.

    Nadine Hostettler
    Schön. Reich. Tot. (Buch)

    3 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern Inaktiver Stern
    06.09.2026

    Eine emotionale Familiengeschichte

    „Alle glücklichen Familien sind einander ähnlich; aber jede unglückliche Familie ist auf ihre besondere Art unglücklich.“

    Ein Ehepaar verstirbt bei einem tragischen Autounfall in der Mojave-Wüste. Zurück bleiben die drei Töchter des jetzt in zweiter Ehe verheirateten Vaters, die unterschiedlicher nicht sein könnten - und die sich nun mit sehr, sehr viele Fragen und Aufgaben konfrontiert sehen im ZUsammenhang mit einem möglichen Erbe.

    Die Schweizer Journalistin und Schriftstellerin Nadine Hostettler legt mit "Schön, Reich. Tot." ein umfassendes Werk vor, in dem zahlreiche Themen verarbeitet sind und dem über allem eine große Melancholie liegt.

    Der Roman ist in fünf große Abschnitte unterteilt, die nicht der zeitlichen Chronologie folgen, sondern immer ein anderes Familienmitglied der verschiedenen Generationen der Familie Borel unter die Lupe nimmt. Umrahmt wird dies jeweils von treffenden Zitaten. Während der Fokus klar auf den drei Schwestern liegt, kann man aber auch die Veranlagung der bösen Seele aufgrund schlimmer Taten in der Vergangenheit nachverfolgen. Für mich machte es dieses Konstrukt aber schwer zu lesen, denn viele Dinge, die aufgeworfen wurden, kamen zu keinem Abschluss und bei anderen fiel die Einordnung in den Kontext etwas schwer.

    Familiensagen sind spätestens seit Thomas Mann eine eigene literarische Kategorie - und auch hier werden verschiedenste Figuren in ihren Zeiten (der Roman beginnt in der Schweizer Uhrenstadt Aureole zu Beginn des Ersten Weltkriegs und endet nach der globalen Finanzkrise in Kalifornien), aber auch in ihren erlebten und vererbten Mustern hervorragend zu Leben erweckt. Der Transfer in die heutige Zeit erscheint geglückt.

    Der Schreibstil ist manchmal etwas sperrig und von großer Traurigkeit überlagert; Spannung ist eher nicht zu finden, obgleich ich diese nach dem ungeklärten Todesfall zu Beginn eigentlich erwartet hatte.

    Zentraler Angelpunkt ist dabei die Suche nach der eigenen Identität und dem Sinn des eigenen Lebens. Nadine Hostettler schafft es, das Scheitern, Aufstehen und Verzweifeln verschiedener Figuren – hauptsächlich Frauen – eindrücklich auf den Punkt zu bekommen. Aber auch das Streben nach Geld und Macht (sehr treffend am Vater der Schwestern verbildlicht, der nach Amerika kam, um vom Tellerwäscher zum Millionär zu werden) und dem Finden der Heimat sind weitere wichtige Aspekte des Romans und vieler Leser*Innen. Hier besonders einprägsam empfand ich die zweite Ehefrau des Vaters, die allein aufgrund ihrer Abstammung im weißen Amerika immer zu kämpfen hatte.

    Keine der Figuren würde ich als sympathisch bezeichnen, was auch Sinn der Sache zu sein scheint, doch mir das Mitfühlen sehr erschwerte. Die Fülle an nachvollziehbaren, aber auch völlig skurilen Figuren ist schier überwältigend und ich musste mich anstregenden, hier nicht den Überblick zu verlieren. Allerdings habe ich ein Problem mit der Drogenverherrlichung im Text.

    Auch wenn viele Fragen offen bleiben, ist das Ende für mich stimmig und zufriedenstellend.
    Jenseits des Scheins

    Anna Johannsen
    Jenseits des Scheins (Buch)

    4 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern
    06.09.2026

    Ein herausfordernder Vermisstenfall

    Der Mann einer Bundestagsabgeordneten wird vermisst. Zur Unterstützung werden die LKA Ermittler*Innen Hanna und Jan hinzugezogen. Dabei stoßen sie nicht nur auf Affären, Intrigen und Spendenaffären, sondern auch auf ein altes Vergehen. Bei so vielen Spuren müssen Hanna und Jan alles geben, um den Überblick zu behalten und den Nebel zu lichten - und auch privat steht einiges an. …
    „Jenseits des Scheins“ ist bereits der fünfte Band über Kommissarin Hanna Will und Kriminalpsychologe Jan de Bruyn der fleißigen SPIEGEL-Bestseller-Autorin Anna Johannsen, die abwechselnd verschiedene Reihen weiterschreibt. Auch dieser Krimi lässt sich problemlos ohne Vorkenntnisse lesen, auch, wenn sich gerade das Privatleben der Ermittler ständig weiterentwickelt.
    Schauplätze sind – wieder einmal - in ganz Niedersachsen; hier liegt der Schwerpunkt auf Goslar.
    Die Geschichte ist abwechselnd mit Schwerpunkt auf Jan oder Hanna geschrieben. Beim Lesen wirken die polizeilichen Ermittlungen sehr authentisch und Anna Johannsen schafft es geschickt, viele verschiedene Spuren zu legen. Allerdings tauchen gerade im Verhalten der Figuren, aber auch in der Storyline, der ein oder andere Widerspruch auf, der dann teilweise auch direkt zum richtigen Täter führt.
    Es kommen insgesamt unglaublich viele Figuren zum Vorschein. Teilweise scheinen diese aus den Vorgängerbüchern bekannt, aber ein Großteil ist neu. Jede dieser Figuren hat ganz eigene Interessen und Motive, und für die Kürze der Geschichte ist es extrem komplex aufgebaut und war manchmal für mich auch etwas verwirrend. Ich kann sehr empfehlen, beim Lesen auch ein Fallboard anzulegen.
    Mit Jan und vor allem Hanna bin ich nicht ganz warmgeworden, aber das liegt vermutlich größtenteils an meiner Unwissenheit der vier Vorgängerbücher. Hanna nervte mich größtenteils mit ihrem Verhalten in Hinsicht auf ihre privaten Probleme, die dann auch Einfluss auf ihre Arbeit fanden. Sehr schade fand ich, dass die Nebengeschichte mit Jans Sohn George, die den Anfang der Geschichte darstellte, noch komplett in der Schwebe hängt – ein Cliffhanger, der Lust auf den nächsten Band macht.
    Auffallend positiv gestaltete sich in diesem Krimi die Zusammenarbeit zwischen den LKA-Ermittlern Hanna und Jan und der regional zuständigen Stelle. Ich fand es wohltuend, hier einmal keine – wie in anderen Büchern so oft beschriebenen – Reibungsverluste zu sehen.
    Die möglichen Verdächtigen sind ein Potpourri aus jeder Schicht und mit jedem Hintergrund, was wirklich faszinierend eingearbeitet ist. Ein Problem habe ich allerdings mit der (wirklich überaus unsympathischen) Bundestagsabgeordneten: mir fällt es schwer zu glauben, dass eine Politikerin solchen Formats keine Backgroundchecks in ihrem direkten Umfeld macht. Ehrlicherweise musste ich bei ihr auch immer an eine real existierende Ministerin denken.
    Für mich etwas zu kurz kamen die psychologischen Hintergründe der einzelnen Motive und Figuren. Gerade durch die Diversität dieser, hätte man wunderbar eine weitere Ebene detailreicher aufarbeiten können – die Grundlagen sind jedenfalls vorhanden.
    Insgesamt ist „Jenseits des Scheins“ ein gut konstruierter Krimi, der mich bestens unterhalten hat und Lust auf weitere Bände der Reihe macht.
    Loving A Vampire Is Total Chaos

    Aura Hayes
    Loving A Vampire Is Total Chaos (Buch)

    4 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern
    02.09.2026

    Liebe ist chaotisch

    Celine ist enttäuscht von ihrer Mutter und verzweifelt mit ihrem schwer an Demenz erkrankten Vater. Nur wegen ihm ist sie zur Polizei gegangen. Frisch befördert wird sie mit dem schlimmsten aller Serienkiller konfrontiert.
    Zavier ist gelangweilt und tötet aus Spaß Kriminelle. Dabei hinterlässt er immer sein Symbol: einen Smiley mit Fangzähnen. Doch an seinem neuesten Tatort nimmt er ein neues Visier ins Auge - kann er wirklich nach über 300 Jahren seine Gefährtin gefunden haben? Er schleicht sich penetrant und humorvoll in ihr Leben.
    Doch was geschieht, wenn Celine herausfindet, dass ihr attraktiver Nachbar nicht nur ein Vampir, sondern genau der Mörder ist, den sie schnappen soll?

    Das Chaos im Titel ist ernst zu nehmen, denn die Geschichte ist chaotisch, schnell und aus zwei Perspektiven geschildert. Bei dem Tempo fiel es mir manches Mal etwas schwer mitzuhalten.

    Während Celine durchaus nachvollziehbar als Figur ausgearbeitet ist, kann ich Zavier so gar nicht fassen. Auf der einen Seite ist er super süß, anhänglich und humorvoll - und dann wieder ein gnadenloser, gelangweilter Killer. Auch die ein oder andere Beziehung mit Nebenfiguren ergibt für mich noch nicht wirklich Sinn – aber es stehen ja noch zwei Bände aus.

    Die Kombination aus Vampir und Ermittlerin klang wahnsinnig spannend, allerdings hat die Ausarbeitung einige Lücken, was ich schade finde. Dennoch bin ich super gespannt auf Band 2 – das Pairing wurde schon angeteasert.
    Battle of the Bookstores

    Ali Brady
    Battle of the Bookstores (Buch)

    3 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern Inaktiver Stern
    25.08.2026

    NIcht nur für Bücherwürmer

    Ryan und Josie arbeiten fast Seite an Seite - und doch könnten ihre Buchläden nicht unterschiedlicher sein. Wo Josie auf echte Literatur und Struktur setzt, setzt Ryan auf diverse Wohlfühlatmosphäre und verkauft „nur“ Romance. Es könnte immer so weitergehen, hätte der Eigentümer der Läden nicht beschlossen, ein großes Buchcafé zu eröffnen, wofür er nur noch einen Buchhändler braucht. Ein erbitterter Wettstreit beginnt und kaum ein Fettnäpfchen wird ausgelassen. Doch ist das nicht einer der klassischsten der Romance Tropes?

    Die Geschichte wird aus den Perspektiven von Josie und Ryan erzählt, wobei es auch viele Nachrichten der Beiden in ihren virtuellen Formen gibt. Auch hier zeigt sich immer, wie unterschiedlich die Beiden sind, denn Ryan schafft es so gut wie nie, eine Nachricht ohne Tipp- oder Rechtschreibfehler zu versenden.

    Wie schon die Kurzbeschreibung und der Titel vermuten lassen, bekommt man genau das auch geboten: eine buchnerdige Lovestory mit vielen Anspielungen auf weitere Tropes. Fans beider Genres werden hier auf jeden Fall auf ihre Kosten kommen.

    Wunderschön fand ich die Zusammenfassung von Josies Mum, was das Genre "Romance" ausmacht: die Chance zu wachsen und einen Neuanfang zu wagen, denn „Liebe kann das perfekte Umfeld dafür schaffen, uns unseren Ängsten zu stellen“.

    Bei den Hauptfiguren wurde gut ins Detail gegangen, leider verblassen die Nebenfiguren da schnell. Hier hätte ich mir doch mehr Tiefe gewünscht. Dies gilt auch etwas für die vielen Nebenschauplätze, die angefangen wurden, wie beispielsweise lange Zeit fehlende Repräsentation von queeren Geschichten, Behinderungen oder Bindungsangst.

    "Battle of the Bookstores" ist eine unterhaltsame Lektüre, die nicht nur für Bücherwürmer und Leseratten zu empfehlen ist.
    Goodbye, Honeysuckle

    Tayari Jones
    Goodbye, Honeysuckle (Buch)

    4 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern
    24.08.2026

    Frauenleben

    Als Wiegenfreundinnen im ländlichen Louisiana der 1960er aufgewachsen, verbindet Niecy und Annie auch die Tatsache, dass sie beide ohne ihre Mutter und das Gefühl unerschütterlicher Liebe aufwachsen mussten. Fest entschlossen, dieses Loch zu stopfen, trennen sich ihre Wege: Annie sucht ihre Mutter in Memphis, während Niecy studieren geht und das Leben einer Schwarzen in der Stadt kennenlernt. Währenddessen schreiben sie sich und wissen, dass sie einander immer retten werden.

    Die Geschichte wird von beiden Frauen parallel erzählt und es gibt viele Briefe, die sie sich gegenseitig, aber auch anderen Figuren, schreiben. Dadurch haben ihre unterschiedlichen Persönlichkeiten viel Raum sich zu zeigen und zu wachsen. Durch wenige Überschneidungen im Erwachsenleben liest sich das Buch teilweise wie zwei unterschiedliche Romane, aber wer Wahlfamilie an anderen Orten hat, weiß, wie eng dieses Band trotz weniger persönlicher Treffen ist.

    Das Stichwort "Wahlfamilie" beschreibt einige Verhältnisse in der Geschichte sehr gut, und hier hat es mir der ein oder andere Nebencharakter besonders angetan.

    Die vielfach ausgezeichnete US-amerikanische Schriftstellerin Tayari Jones schafft es, in ihrem Roman die Zeitgeschehnisse und unterschiedlichen Wege junger schwarzer Frauen zu der beschriebenen Zeit aufzuzeigen und authentisch zum Leben zu erwecken. Dabei urteilt weder sie noch ihr Text, und als Leser*In kann man entweder einfach mitfühlen oder sich selbst ein Urteil bilden. Wer jedoch wirkliche politische oder gesellschaftliche Tiefe erwartet (wie beispielsweise zu der studentischen Bewegung zu der Zeit), wird enttäuscht werden, da dies nur sehr am Rande thematisiert wird. Ein weiteres Thema, was zwar oft vorkam, aber nicht wirklich eingeordnet wurde, ist die gleichgeschlechtliche Liebe zu dieser Zeit.

    Für mich auch etwas enttäuschend war die Tatsache, dass die typische Südstaaten-Atmosphäre und ihre kulturellen Eigenheiten hier nur Randthemen sind, zwar mögen Niecy und Annie lieber den klassischen Maissirup als Ahornsirup, aber die Kultur hat mehr zu bieten als fantastisches Essen und Gottesfürchtigkeit.

    Dafür wird das Fehlen der Mutterliebe und die Angst, verlassen zu werden, sehr präsent und facettenreich erzählt. Beide junge Frauen versuchen, das entstandene Loch sehr unterschiedlich zu füllen und verletzten dabei nicht nur sich selbst, was sehr emotional aufwühlend zu lesen ist.

    Insgesamt ein sehr bewegendes Buch aber auch sehr anders, als ich es vom Klappentext erwartet hätte. Darum vergebe ich 3,5 Sterne.
    1 bis 25 von 91 Rezensionen
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